Kolumne: Dominik Gross

Leadership mit Zug: Klarheit, Tempo, Vielfalt

Familienunternehmen sind das Rückgrat Westfalens. Sie haben Generationen durch Krisen geführt, mit Haltung, Handwerk und einem langen Atem. Doch die Spielregeln drehen sich schneller als je zuvor: volatile Märkte, geopolitische Brüche, neue Technologien, neue Erwartungen von Kundinnen und Kunden sowie Talenten. Führung, die früher Stabilität über alles stellte, muss heute Stabilität durch Veränderung sichern. Wer das als Chance begreift, bleibt vorne. Wer wartet, wird verwaltet.

Zukunftsfähige Führung heißt: schneller entscheiden – und näher am Kunden bauen.

Startups sind nicht „cool“, weil sie Tischkicker haben. Sie sind stark, weil sie in kurzen Zyklen lernen. Sie testen, messen, verbessern und stoppen, was nicht wirkt. Diese Logik ist für Familienunternehmen Gold wert, gerade wenn Märkte kippen. Der Hebel ist simpel: weniger PowerPoint, mehr Prototyp. Mehr Verantwortung dort, wo Wissen sitzt. Und klare Prioritäten: Was sind die zwei, drei Felder, die wir wirklich gewinnen wollen? In unserer Arbeit mit Unternehmen sehen wir: Sobald Teams echte Entscheidungsrechte bekommen, entstehen Geschwindigkeit und Mut. Genau hier können Startups Partner sein, nicht als Schaufenster, sondern als Produktivitätsmotor. Das Bielefelder Startup unfuture zeigt zum Beispiel, wie KI nicht diskutiert, sondern in wenigen Wochen in konkrete Anwendungen übersetzt wird. Teams aus dem Unternehmen kommen dabei direkt ins Machen.
Führung bedeutet dann: Raum geben, Fokus halten, Umsetzung einfordern.

Technologie ist keine IT-Frage, sie ist eine Führungsaufgabe.

KI, Automatisierung und datengetriebene Geschäftsmodelle sind nicht „ein Projekt“. Sie verändern Rollen, Entscheidungen und Wertschöpfung. Wer Technologie delegiert wie früher die Telefonanlage, verliert Zeit. Wer sie zur Chefsache macht, gewinnt den Wettbewerb. Die Konsequenz: Mitarbeitende brauchen die Freiheit, neue Tools im Alltag zu nutzen, zu experimentieren und Lösungen selbst zu entwickeln. Intrapreneurship wird zum neuen Standard: Menschen werden zu internen Unternehmerinnen und Unternehmern, die Probleme lösen, statt sie weiterzureichen. Auch hier liefern Startups die Abkürzung. Circuly, ein Alumni der Founders-Foundation, zeigt, wie man aus Produkten wiederkehrende Erlöse macht: „Product-as-a-Service“ verlängert Lebenszyklen, verbessert Planbarkeit und schafft neue Kundennähe.

Wer solche Modelle versteht, führt datenbasierter, serviceorientierter und weniger abhängig vom reinen Stückzahl-Geschäft.

Diversität ist kein „Nice-to-have“, sie ist ein Führungsinstrument für bessere Entscheidungen.

Wer sein Geschäftsmodell modernisieren, digitalisieren und krisenfest machen will, braucht mehr als Erfahrung. Er braucht Perspektivenvielfalt. Denn die größten Fehler in Transformationen entstehen selten durch mangelnde Intelligenz, sie entstehen durch blinde Flecken: Kundengruppen, die man unterschätzt. Technologien, die man falsch einordnet. Risiken, die man kollektiv wegmoderiert, weil alle ähnlich ticken.

Startups haben hier einen strukturellen Vorteil: Sie bauen Teams oft entlang des Problems, nicht entlang von Tradition. Unterschiedliche Profile, Lebensläufe und Denkstile sind dort kein Statement, sondern ein Produktivitätshebel. Familienunternehmen können genau das übernehmen, ohne ihre Identität aufzugeben. Im Gegenteil: Wer Vielfalt gezielt in Führung bringt, schützt den Kern, weil er ihn an eine neue Realität anschließt.

Klar ist aber auch: Diversität passiert nicht durch gute Absichten, sondern durch Design. Wer immer aus denselben Netzwerken rekrutiert, bekommt immer dieselben Antworten. Wer immer dieselben Karrierepfade belohnt, bekommt immer dieselben Führungstypen. Und wer in Krisen nur „auf Nummer sicher“ geht, reproduziert das Bekannte, während der Markt sich verändert.

Gender ist dabei ein messbarer, besonders sichtbarer Teil des Problems. In Deutschland waren 2024 laut statistischem Bundesamt nur 29,1 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt, seit 2014 praktisch ohne Fortschritt. Das zeigt: Der Zugang zu Führung ist zu eng, die Pipeline zu dünn, die Mechanik zu träge. Und es ist ein Warnsignal für das größere Thema: Wenn es bei einem so klar messbaren Diversitätsmerkmal nicht gelingt, wird es bei Denkstilen, Herkunft, Bildungshintergründen oder Internationalität erst recht dem Zufall überlassen.

Die Wirtschaft kennt den Zusammenhang längst: Studien wie McKinseys „Diversity matters even more“ zeigen, dass diversere Führungsteams häufiger überdurchschnittlich performen. Nicht weil Diversität „magisch“ ist, sondern weil sie Entscheidungsqualität erhöht: mehr Widerspruch, bessere Debatten, realistischere Annahmen, höhere Nähe zum Markt.

Wenn Familienunternehmen also über neue Technologien, neue Märkte und neue Geschäftsmodelle sprechen, dann gehört Diversität in die gleiche Kategorie wie Strategie und Kapital: als Ressource, die Wirkung erzeugt. Führung heißt dann: Vielfalt nicht moderieren, sondern nutzen – konsequent, messbar, im Alltag.

Führung in Traditionsunternehmen braucht jetzt drei klare Moves

Entscheidungen beschleunigen. Kleine, schlagkräftige Teams mit klaren Zielen, Budget und Mandat. Pilot ist nett. Skalierung ist Wirkung.

Technologie in die Linie holen. KI- und Digital-Use-Cases dort verankern, wo Wertschöpfung entsteht. Lernen durch Anwenden, nicht durch Folien.

Diversität in Führung gezielt stärken. Über transparente Karrierepfade, klar definierte und überprüfbare Entwicklungs- und Beförderungskriterien sowie aktives Sponsorship durch die Geschäftsleitung. Westfalen war immer dann stark, wenn es nicht auf bessere Zeiten gehofft hat, sondern bessere Zeiten gebaut hat

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