Serie: Wissenstransfer

Wissenstransfer – cozewell

In unserer Serie berichtet Prof. Dr. Sebastian Vogt, Geschäftsführer des Technologietransfer- und Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn (TecUP), über erfolgreiche Ausgründungen und den Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft.

„Es gibt kein falsches Wetter, nur die falsche Kleidung.“ Geht es jedoch um Schutzkleidung beim Motorradfahren oder um Arbeitsbekleidung, gibt es kaum Möglichkeiten, sich dem Wetter und den Temperaturen anzupassen. Gerade, wenn es extrem heiß oder extrem kühl ist, können Überhitzung oder Unterkühlung gefährliche Folgen haben. Auch Arbeitsbekleidung kann die Körpertemperatur bei Hitze oder Kälte kaum regulieren. Bei Kälte lässt die Konzentration schnell nach und bei Hitze droht eine Dehydrierung des Körpers. Die Sicherheit wird dadurch stark beeinträchtigt und Unfälle können leichter passieren. Das Paderborner Startup cozewell hat dieses Problem bei einer zufälligen Begegnung auf einer Reise erkannt und entwickelt seitdem ein temperaturregulierendes Add-on für Motorrad-, Outdoor- und Arbeitskleidung. Das Team hat eine Technologie für Kleidungsstücke entwickelt, welche die eigene Körpertemperatur regulieren kann, indem sich das Add-on in der Kleidung aufheizt oder abkühlt. Diese Temperaturregulierung ermöglicht sowohl das Aufheizen als auch das Abkühlen in einem einzigen integrierten Kreislauf im Kleidungsstück. Eine Flüssigkeit als Trägermedium speichert und überträgt die gewünschte Temperatur. In eine Weste integriert, kann es beispielsweise unter Motorrad- oder Arbeitsbekleidung getragen werden. In Zukunft könnten auch Handwerkerinnen und Handwerker im Außenbereich sowie Feuerwehrleute oder Outdoor-Sportler von dieser miniaturisierten Technologie profitieren. Integriert man ihre Erfindung in eine Matte, könnte diese außerdem für Senioren sowie Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer einen hohen Komfort bieten und gleichzeitig Hunde vor Überhitzung im Sommer schützen. 

Das Gründerteam besteht aus Karam Farkhat und Robert Fleischer, beides Absolventen der Universität Paderborn. Karam hat einen Masterabschluss in Wirtschaftsingenieurwesen und Robert in Maschinenbau. Bei einer gemeinsamen Exkursion an die kühle Nordseeküste entstand die Idee zur temperaturregulierenden Kleidung. Zufällig trafen sie hier auf eine Gruppe Motorradfahrer, die berichteten, dass sie unter ihren schweren Motorradjacken bei heißen Temperaturen eine Abkühlung und bei kühlen Temperaturen und Wind eher eine zusätzliche Wärmeleistung benötigten. Mit ihrer Idee, eine Klimaanlage für Textilien zu erfinden, fanden sie im Jahr 2019 den Weg in unser Gründungszentrum der Universität Paderborn und gründeten ihr Startup cozewell. Über das Top Talent Programm der garage33 wurde 2021 Paul Liebersbach auf das junge Startup aufmerksam. Paul hat einen Bachelorabschluss in Wirtschaftswissenschaften und leitet inzwischen die Finanzen und strategische Planung des Startups. Im Mai 2022 stieß Marie Klostermann, Masterabsolventin in Management Information Systems, als Verantwortliche für Marketing und Sales dazu und vervollständigt damit das vierköpfige Gründerteam. Unterstützung erhält das junge Startup seither durch unser Gründungszentrum garage33 in Form von Büroräumlichkeiten, persönlichem Coaching, Netzwerkevents oder fachspezifischen Workshops. In einem Workshop zum Thema Videografie konnten sie zum Beispiel ihren ersten Imagefilm drehen, um ihre Innovation zu präsentieren. Vor allem aber kann das Team im Maker Space der garage33 den Bau eines Prototypen vorantreiben.
Mit ihrer innovativen Geschäftsidee konnte das Gründungsteam auch außeruniversitäre Instanzen überzeugen und war Ende 2022 mit der Beantragung des EXIST-Gründerstipendiums vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz erfolgreich. Die Zuwendung in diesem Programm beträgt insgesamt über 130.000 Euro. Darüber hinaus konnten sich die Gründer im Sommer 2023 einen Platz in der begehrten Vision Lab Förderung von Earlybird, Europas führendem Venture Capital Investor, sichern. Dieses Programm unterstützt Gründungsteams mit Migrationshintergrund in ihrer Frühphase. Die Bekleidungstechnologie von cozewell sorgt mittlerweile für großes Interesse bei mehreren Bekleidungsherstellern sowie potentiellen Endnutzern. Regelmäßig stellen sie ihr Produkt bereits auf Fachmessen wie der Hannover Messe, dem Digital Demo Day in Düsseldorf oder der IFA Berlin aus.

In den kommenden zwölf Monaten ist viel geplant: Bis zum Frühjahr soll die finale Produktentwicklung abgeschlossen sein und nach einer Testserie mit einem Hersteller für Motorradkleidung, ist der Aufbau der Produktion und die Zertifizierung der Technologie vorgesehen. Im Jahr darauf soll dann der Markteintritt folgen. Um sein Vorhaben zu realisieren, ist das Team langfristig auf der Suche nach weiterer finanzieller Unterstützung. Ein tolles Projekt von potentiell hoher Relevanz für verschiedene Gruppen in der Gesellschaft.

AUCH INTERESSANT

Weitere Beiträge

Industrie.Zero hundert Prozent Wettbewerbsfähigkeit

OWL soll Modellregion für nachhaltiges Wirtschaften werden: Dass die Region auf dem besten Weg ist, zeigen zahlreiche Projekte, die...

Nachhaltigkeitsreporting: „Einfach beginnen“

Die künftigen Nachhaltigkeitsberichtspflichten verunsichern viele kleine und mittlere Unternehmen. Neben der aufwendigen Umsetzung fragen sich viele, ob es sich...

“Wir können unser Handel stetig verbessern”

Der Möbelhersteller ASSMANN ist für seine Nachhaltigkeitsberichterstattung schon mehrfach ausgezeichnet worden. Was das Unternehmen antreibt und welche Ziele künftig...

„Verantwortungsvolle Unternehmensführung zahlt sich langfristig aus“

Das Herforder Unternehmen Leineweber, bekannt für die Modemarke BRAX, befindet sich auf dem Weg einer nachhaltigen Transformation. Tanja Kliewe-Meyer,...

Nachhaltige Lösungen von REMONDIS Industrie Service

Gefährlicher Abfall als Chance für eine nachhaltigere Zukunft? In einer Welt, in der Klima- und Umweltschutz immer mehr an...

E-Magazin