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INTERVIEW

„Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gehören zusammen“

Das Thema Nachhaltigkeit ist komplex. Unternehmen, die sich der Herausforderung stellen, stehen vor vielen Fragen. Wo liegen die größten Chancen? Welche Maßnahmen bieten sich an? Und wie kann die Transformation wirkungsvoll gesteuert werden? Das Fraunhofer Institut für Entwurfstechnik Mechatronik (IEM) hat im Projekt Green.OWL ein Modell entwickelt, mit dem sich Unternehmen einen Überblick verschaffen können. Friederike Dohmann, Projektleiterin Green.OWL am Fraunhofer IEM, erklärt, warum Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit nur zusammen umsetzbar sind.

Viele Unternehmen wissen, dass sie ihre Strukturen, Prozesse und Geschäftsmodelle zukunftsfähiger und nachhaltiger aufstellen müssen. Wo sehen Sie die Chancen einer nachhaltigen Transformation?

Friederike Dohmann: Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten priorisieren Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit oft weniger stark. Zusätzlich zu Regularien wie der europäischen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD-Richtlinie) oder dem Digitalen Produktpass, die Betriebe unter Handlungsdruck stellen, möchte ich eines deutlich hervorheben: Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gehören zusammen und bedingen einander. Unternehmen, die Energie und Ressourcen effizient einsetzen, senken nicht nur Kosten, sondern erhöhen auch ihre Resilienz gegenüber Krisen, volatilen Energiepreisen oder Unsicherheiten in Lieferketten. Gleichzeitig bietet nachhaltiges Wirtschaften die Chance, sich als zukunftsfähiges Unternehmen zu positionieren, neue Märkte zu erschließen und als Arbeitgeber für Fachkräfte attraktiver zu werden.

Die besondere Herausforderung liegt für viele Betriebe in der praktischen Vorgehensweise. Sie haben im Rahmen des Projekts Green.OWL ein Modell entwickelt, mit dem sich Unternehmen einen Überblick verschaffen können. Auf welcher Grundlage entstand es? 

Friederike Dohmann: Wir haben einen Kompass für die Nachhaltigkeitstransformation von Unternehmen geschaffen: Online erhalten Unternehmen mit wenigen Klicks eine Orientierung in puncto Nachhaltigkeit und werden konkret bei der Umsetzung unterstützt. Für unsere Vorgehensweise war uns besonders wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrung und Impulsen von Praxisvertretern zu kombinieren. Dafür haben wir Interviews mit Unternehmen und Nachhaltigkeitsexperten geführt und Fragen zum Verständnis des Unternehmensmodells, zur wahrgenommenen Relevanz der Transformationsfelder und den darin adressierten Inhalten gestellt. Unser Konzept konnten wir in Workshops mit Unternehmen testen und so Feedback aus der Industrie einarbeiten und seine Praxistauglichkeit unter Beweis stellen.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt? 

Friederike Dohmann: Im Mittelpunkt stehen konkrete Fragen aus dem Unternehmensalltag: Wie lassen sich Energie und Ressourcen effizienter nutzen? Wie können Prozesse nachhaltiger gestaltet werden? Und wie wird Nachhaltigkeit zu einem festen Bestandteil unternehmerischer Entscheidungen?
Dabei betrachten wir Nachhaltigkeit nicht als Einzelthema, sondern gemeinsam mit den bestehenden Abläufen im Unternehmen von strategischen Entscheidungen bis hin zur praktischen Umsetzung im Tagesgeschäft.

Aus Ihrer Erfahrung: Wo besteht in den Unternehmen der größte Informations- und Unterstützungsbedarf? 

Friederike Dohmann: Viele Unternehmen wissen zunächst gar nicht, wo sie konkret anfangen sollen. Besonders bei regulatorischen Anforderungen und Berichtspflichten herrscht oft große Unsicherheit. Deshalb besteht ein wichtiger Teil unserer Arbeit aktuell darin, Orientierung zu geben und die relevanten Themen verständlich einzuordnen.
Gleichzeitig fehlt es in vielen Unternehmen an internem Know-how, Zeit und personellen Ressourcen, um Nachhaltigkeitsthemen systematisch anzugehen. Häufig ist auch die Datenbasis noch unvollständig, etwa für Nachhaltigkeitskennzahlen oder Berichte.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, strategische Nachhaltigkeitsziele in konkrete Maßnahmen und Prozesse zu übersetzen. Genau dabei können wir Unternehmen mit unseren Methoden gezielt unterstützen.


Nachhaltigkeit wird zunehmend auch als wirtschaftlicher Faktor betrachtet.


Wer kann das Modell nutzen? 

Friederike Dohmann: Uns war wichtig, den Kompass offen und flexibel aufzubauen, damit er in unterschiedlichen Branchen und Unternehmensgrößen eingesetzt werden kann. Es richtet sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen im produzierenden Bereich – sowohl an Betriebe, die beim Thema Nachhaltigkeit noch am Anfang stehen, als auch an Unternehmen mit ersten Erfahrungen.

Gleichzeitig ist das Modell so angelegt, dass verschiedene Rollen im Unternehmen damit arbeiten können, etwa die Geschäftsführung oder Mitarbeitende aus Nachhaltigkeit, Strategie und Entwicklung. Auch Beratungen oder Wirtschaftsförderungen können das Modell nutzen. Es unterstützt Unternehmen dabei, Nachhaltigkeitsthemen strukturiert anzugehen und konkrete nächste Schritte abzuleiten.

Sich einen Überblick über die Möglichkeiten der Transformation zu verschaffen ist das eine, die praktische Umsetzung und das dafür notwendige Know-how das andere. Mit welcher Unterstützung können Unternehmen rechnen?

Friederike Dohmann: Wir unterstützen Unternehmen je nachdem, wo sie aktuell stehen und wie intensiv sie begleitet werden möchten. Für einen schnellen Einstieg gibt es beispielsweise einen Online-Quick-Check . Damit können Betriebe ihren aktuellen Stand erfassen und herausfinden, in welchen Bereichen konkreter Handlungsbedarf besteht. In anschließenden Beratungsgesprächen helfen wir dabei, die Ergebnisse einzuordnen und sinnvolle nächste Schritte abzuleiten.
Unternehmen, die direkt aktiv werden möchten, können außerdem auf unseren Lösungsbaukasten mit Methoden, Tools und Praxisbeispielen zurückgreifen. Ergänzend bieten wir kostenfreie Workshops an, in denen konkrete Maßnahmen direkt für den eigenen Betrieb entwickelt werden.
Abschließend noch ein Tipp: Mit ausgewählten Unternehmen setzen wir intensivere Projekte über mehrere Monate um. Gemeinsam erarbeiten wir eine individuelle Roadmap und begleiten die ersten Schritte bei der Umsetzung. Interessierte Unternehmen können sich dafür direkt bei mir melden oder am Ende des Quick Checks ihre Kontaktdaten hinterlegen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Unternehmen die Wichtigkeit der Problematik verstanden haben? Wie groß ist die Resonanz auf Ihr Angebot? 

Friederike Dohmann: Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen, unter anderem durch neue regulatorische Anforderungen, veränderte Erwartungen aus dem Markt und globale Entwicklungen. Gleichzeitig stehen viele Unternehmen aktuell unter wirtschaftlichem Druck. Gerade deshalb wird Nachhaltigkeit zunehmend auch als wirtschaftlicher Faktor betrachtet.
Seit rund zwei Monaten sprechen wir Unternehmen aktiv mit unseren Angeboten an und haben bereits zehn Quick Checks durchgeführt. Aktuell bearbeiten wir die ersten Anfragen für Workshops. Es lohnt sich also, auf uns zuzukommen!

Weitere Informationen: E-Mail: friederike.dohmann@iem.fraunhofer.de und www.iem.fraunhofer.de

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