Wie wird Deutschland wieder wettbewerbsfähig und wie gelangen Unternehmen zurück in die Erfolgsspur? Auf der Hinterland oft Things Konferenz in Bielefeld diskutierten führende Köpfe, Impulsgeberinnen und Macher aus Wirtschaft und Technologieszene, was jetzt zu tun ist. Eines war klar: Es gibt viele Ideen, Wissen und Technologie, aber es braucht noch mehr Mut zum Machen.
Es geht gleich mit jeder Menge Energie zur Sache: Musik und ein athletischer Tänzer, der zur frühen Stunde eine perfekte Performance auf der Bühne präsentiert. Beobachtet wird er von einem humanoiden Roboter, der wenig später selbst aktiv wird. Ihre synchronen Bewegungen, der Breakdance von Mensch und Maschine, sorgen für Staunen und Begeisterung. Hier wird Technik in einer beeindruckenden Show umarmt.
Ein aktiver und motivierender, energiegeladener Akt, den die Besucherinnen und Besucher zum Auftakt der diesjährigen Hinterland of Things Konferenz geboten bekamen. Damit war der Ton des Tages gesetzt: Es geht um „Action“ – das Motto des Events und damit konsequenterweise auch darum, ins Machen zu kommen. Hier wird nicht mehr gewartet, so die Botschaft. Denn zu tun gibt es genug. Das machte Dominik Gross, CEO der Founders Foundation und Veranstalter der Hinterland of Things Konferenz in seiner Keynote zur Eröffnung deutlich, als er zehn wesentliche Action Items präsentierte. Mit Blick auf die Showeinlage des tanzenden Roboters beschrieb Gross die Robotik als einen riesigen Wachstumsmarkt, der durch Künstliche Intelligenz einen enormen Auftrieb erhalten habe. „Deutschland steht in diesem Markt gut da. Die Finanzierungsrunde von Neura Robotics hat gezeigt, dass es Chancen gibt“, so Dominik Gross. Einen Teil des eingesammelten Geldes hat das Unternehmen in sogenannte Robotic-Gymns investiert, das sind Datenfitness-Studios für Roboter. „Unsere Aufgabe ist es, die Daten in Deutschland souverän zu behandeln und sie im Land zu halten“, sagte Gross. Denn mit mehr KI und mehr Robotik lasse sich die Wertschöpfung wieder steigern.
Daran arbeitet man auch mit Nachdruck in unserer Region. Schon im letzten Jahr war das Startup Minden Robotics auf der Hinterland und verkündete einen weiteren Durchbruch in diesem Jahr. Das ist dem Gründer Shiar Hido und seinem Team gelungen. Fortschritte in Künstlicher Intelligenz, Sensorik, maschinellem Lernen und Mechanik haben die Entwicklung humanoider Roboter vorangetrieben. Die Mindener haben in den letzten Monaten eine neue Trainingsplattform mit eigenen KI-Modellen entwickelt und mit dem humanoiden Roboter Oli, der auf der Hinterland mit den Besucherinnen und Besuchern auf Tuchfühlung ging, eine Hardware-Basis geschaffen, die für reale Arbeitsumgebungen optimiert ist. Integrierte Tiefenkameras schaffen eine umfassende Wahrnehmung. Ein weiterer Pluspunkt ist seine extreme Beweglichkeit. Seine Größe entspricht der eines Menschen, damit ist er ideal für Arbeitsplätze skaliert. Mit seinen filigranen Händen gelingt ihm eine präzise Interaktion. Zusätzlich unterstützt er Large Language Models (LLMs) zur direkten Verarbeitung natürlicher Sprache und autonomer Handlungsplanung.
„Mit unseren Robotik-Lösungen wollen wir die Lücke zwischen Mensch und Maschine schließen und monotone Arbeit durch humanoide Roboter ersetzen. Dadurch gewinnt der Mensch Zeit für wichtigere Aufgaben. Und schafft damit die Basis, Wertschöpfung wieder voranzutreiben“, so Hido, der Unternehmen gezielt anlernt, selbst humanoide Roboter zu trainieren. Die Einsatzmöglichkeiten sind enorm. In Firmen verschiedenster Branchen und im Gesundheitswesen können humanoide Roboter als Assistenzkraft, Problemlöser oder als Bindeglied zwischen Mensch und Maschine agieren. „Der Nutzen der Anwendung ist groß, zumal alle Daten im Unternehmen verbleiben“, sagte Hido.
Nur einige Meter weiter zeigte Terra Robotics seine Kompetenzen in der Robotik. Die Löhner haben nicht nur den tanzenden Roboter auf der Bühne zur Verfügung gestellt, sondern präsentierten auch eine Lösung, die den Besuchern Kaffee serviert. Vor gut einem Jahr sind sie mit zwei Mitarbeitern gestartet, um Robotiklösungen in realen Anwendungen zu implementieren. Mittlerweile ist die Zahl auf 70 gestiegen. „Der Bedarf ist groß und reicht vom Einsatz in Forschungseinrichtungen bis hin zu Unternehmen verschiedenster Branchen“, sagt Dennis Quirin, Leiter Technical Engineering bei Terra Robotics, einem Unternehmen, das Teil der Terra Connect GmbH ist. Das junge Unternehmen sieht sich als Lösungsanbieter, der mit Robotik und intelligenter Automatisierung Arbeitsprozesse effizienter und sicherer gestaltet. „Momentan entwickeln wir spezifische Prozesse in Partnerschaft mit Unternehmen, um gemeinsam Erfahrung zu sammeln, zu lernen, Fehler zu machen und um dann proaktiv zu arbeiten.“ Dabei profitiert der Robotikspezialist vom Ökosystem der Wortmann-Gruppe mit eigener Cloud-Lösung. Konkrete Einsatzmöglichkeiten sieht Quirin in der unterstützenden Funktion, etwa bei der sogenannten „letzten Meile“ in der Logistik, aber auch in der Automatisierung von Produktionsprozessen und bei der Ausführung monotoner Tätigkeiten.
„Die Hinterland of Things hat gezeigt, dass Deutschland und Europa die Antworten kennen. Was jetzt zählt, ist der Mut, sie auch umzusetzen.“
Erfolg mit AI-Startup-Speed
Wie etablierte Mittelständler ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit stärken und dabei zwei verschiedene Mindsets – Family-Business und Startup-Mindset – erfolgreich verbinden, zeigte das Familienunternehmen Böllhoff. Die Bielefelder Spezialisten für Verbindungselemente innovieren sich seit 150 Jahren permanent selbst. CEO Wilhelm Böllhoff erzählte mit Begeisterung, wie der Weg der Transformation beschritten und das eigene Geschäftsmodell disruptiv aufgesetzt wird.
Mit auf der Bühne saß Kevin Jostmeyer-Zelles, Spezialist für die digitale Transformation bei Böllhoff. Regelmäßig reflektieren die beiden, was sie gerade tun und als Nächstes vorhaben. Sie eint die Motivation, nicht nur über Dinge zu sprechen, sondern ins Machen zu kommen.
Dazu holen sie sich Unterstützung von außen und kooperieren zum Beispiel mit Rainer Berak von A11, der Firmen unterstützt, technologiegetrieben besser zu werden. „Um das Hauptgeschäft zu transformieren, braucht es aus erklärlichen Gründen einen langen Atem. Gemeinsam haben wir darüber nachgedacht, wie das schneller gehen kann“, so Berak, der diesen Prozess als „Rekubation“ bezeichnet. Ergebnis dieser Überlegungen: die „Ausgründung“ der getspecialfasteners GmbH aus der Böllhoff Group. Mit ihr ist eine kleine agile Einheit entstanden, die richtig Tempo macht und in der Lage ist, einen Milliardenmarkt zu digitalisieren.
Wie im Hauptunternehmen sollen auch im sogenannten „Beiboot“ Schrauben verkauft werden, „nur auf einem anderen Weg“, sagte Kevin Jostmeyer-Zelles, „mit klarem Fokus auf Sonderanfertigungen. An einer nicht genormten Schraube hängen unendlich viele Parameter. Das muss man verstehen und auslesen“, so Wilhelm Böllhoff. „Anfragen von Spezialartikeln setzen einen langen Prozess in Gang. Schnelligkeit ist hier noch wichtiger als der Preis. Wir schaffen es, in wenigen Stunden die komplette Bearbeitung abzuschließen, weil wir auf einen durchgehenden automatisierten Prozess auf der Basis von strukturierten Daten zurückgreifen können. Und damit zeigen wir, dass sich der Mittelstand mit moderner Technologie und datengetriebenem Arbeiten erfolgreich wandeln kann. Nicht mit mehr Leuten und mehr Druck, sondern mit einem Team, das sich selbst organisiert, Verantwortung trägt und genau deshalb besser ist“, so Kevin Jostmeyer-Zelles.
Wie wichtig Startup-Mentalität für den Mittelstand und eine Kooperation von Startups und etablierten Unternehmen ist, betonte auch Carsten Maschmeyer, der mit seinen Venture-Capital-Fonds in über 150 Technologie-Startups investiert hat. „Startups und Mittelstand passen besser zusammen als Großkonzerne und Startups.“ Dabei verwies er jedoch auf die Dynamik: „Die Weltwährung der Zukunft in der Economy ist Speed.“
Dass industrielle Transformation aus eigener Kraft gelingen kann, zeigte Stefan Klebert, CEO der GEA, weltweit einer der größten Systemanbieter für die Nahrungsmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie. Der Manager beschrieb, wie das börsennotierte Dax-40-Unternehmen nach sieben Gewinnwarnungen und tiefem Aktienkurs im letzten Jahr wieder in die Erfolgsspur zurückgekehrt ist. Dazu sei die Organisation mit einem veränderten Management neu aufgestellt worden. Von einigen Firmen aus dem Portfolio und Mitarbeitenden habe man sich getrennt und eine neue Leistungskultur mit klaren Regeln entwickelt. Klebert machte seine Sicht auf die Dinge deutlich: „Ein Unternehmen ist zu Spitzenleistung verpflichtet. Nur wenn es Spitzenleistung bringt, kann es dauerhaft bestehen und am Leben bleiben“, so der GEA-Chef. Von der Firma als große Familie wollte Klebert nichts wissen: „Ein Unternehmen kann keine Familie sein. Natürlich können wir zusammen Spaß haben und gut zusammenarbeiten. Letztendlich zählt aber immer die Performance.“ Neben absoluter Leistungsbereitschaft innoviert GEA seit einigen Jahren im Bereich Nachhaltigkeit, indem es beispielsweise Anlagen mit dem Label „Add Better“ entwickelt, die nicht nur schneller produzieren, sondern dieselbe Leistung mit weniger Energieeinsatz und einer deutlich verbesserten Ressourceneffizienz erreichen. Klare Vorgaben hat man auch bei der Erreichung der Klimaziele: So reduzierte GEA seine Scope-1- und Scope-2-Treibhausgasemissionen bis Ende 2025 um 62 Prozent gegenüber 2019. Damit übertraf der Maschinenbauer das für Ende 2026 gesetzte Ziel von 60 Prozent um ein Jahr.
Ein Beispiel, das zeigt, wie Transformation neue Chancen eröffnet, zu mehr Stärke führt und wieder mehr Wachstum generiert werden kann.
Das sah auch Isabel Knauf, Mitglied des Gesellschafterausschusses des gleichnamigen Gips-Konzerns, ähnlich. „Die Stärke Deutschlands liegt in seiner Wandlungsfähigkeit – aber nur, wenn diese auch genutzt wird“, so Knauf. Zwar seien viele Unternehmen in der Automatisierung stark, nicht aber in der Digitalisierung und in der Nutzung von KI. „Die meisten Firmen haben das Prinzip Leanmanagement bereits verinnerlicht. Die Frage ist nun, wie lässt sich das Positive der Unternehmenskultur nutzen, um mithilfe der KI eine neue Produktivitätswelle in Gang zu setzen? KI heißt ja nicht weiter digitalisieren, sondern Prozesse neu zu definieren“, so die Ingenieurin. Dabei sei es wichtig zu fragen, was der Kunde wirklich wolle und was man als Unternehmen erreichen möchte. „Nur so ist es möglich, die Prozesse im Großen zu definieren und einen erheblichen Fortschritt in der Produktivität zu erzielen.“
Bürokratie, Mutlosigkeit und fehlendes Vertrauen als Wachstumsbremser
Wie eine neue Wachstumsagenda aussehen muss und Deutschland nach Jahren der Stagnation wieder in die Erfolgsspur zurückkehren kann, diskutierten auch Sigrid Nikutta, ehemalige Deutsche Bahn Cargo-Chefin, Annika von Mutius von Empion und Romy Schnelle vom High-Tech Gründerfonds (HTGF).
„Ich glaube, dass unser sehr enges Regelset, gepaart mit einer gewissen Mutlosigkeit und fehlendem Vertrauen, die Gründe sind, die uns am Wachsen hindern.“ Von Mutius, die Beiratsmitglied des Wirtschafts- sowie des Digitalministeriums ist, beschrieb den Alltag als Gründerin: „Wir haben riesige bürokratische Hürden. Es gibt so viele Dinge, die komplex sind, aber die wirkliche Herausforderung aus Unternehmersicht sind der Arbeitsmarkt und das Arbeitsmarktrecht.“ Romy Schnelle vom HTGF machte deutlich: 50 Prozent aller Finanzierungen im Portfolio des High-Tech-Gründerfonds – 800 Unternehmen – stammen von Kapitalgebern aus den USA oder Asien. Deshalb forderte sie: „Deutschland könnte schneller wachsen, wenn wir den Fokus auf das Wesentliche legen, weniger Kleinstaaterei haben, mehr gemeinsam anpacken, weniger Bürokratie, mehr Kapital und geringere Energiekosten.“
Unmissverständlich klare Worte fand auch René Obermann, Managing Director bei Warburg Pincus und früherer CEO der Deutschen Telekom. Deutschland und Europa müssten sich aus langjährigen Abhängigkeiten befreien, sagte er in seiner Keynote. Mit Blick auf die Grundelemente europäischer Souveränität kritisierte er: „Wir schießen uns durch Risikoaversion und durch Überregulierung in Europa seit Jahrzehnten beim Laufen ins eigene Knie.“ Und weiter kritisierte er: „Europa hat das Geld, die Industrie und die Technologie, um sich aus diesen gefährlichen Abhängigkeiten zu befreien. Was uns fehlt, ist der gemeinsame gesellschaftliche und der politische Wille und die harte Konsequenz, um militärische Kleinstaaterei in Paris, in Berlin und anderswo in Europa zu verlassen.“ Obermann machte deutlich: „Souveränität bedeutet nicht Autarkie. Das ist ein großes Missverständnis. Autarkie wäre naiv und schädlich.“ Was es braucht, so Obermann, sei eine integrierte europäische Strategie mit Kapital, das tatsächlich in Schlüsseltechnologien fließt, und einem politischen Willen, der über nationale Grenzen hinausgehe.
Trotz dieser mahnenden Worte und nach zahlreichen Gesprächen mit Unternehmen und Gründern war auch in diesem Jahr wieder eine beeindruckend starke Energie zu spüren: die Vielzahl an Ideen, motivierte Gründerinnen und Gründer sowie Unternehmen, die an den Standort Deutschland glauben und nicht sagen, hier geht nichts mehr. Das macht zuversichtlich. Mut war auch das Stichwort des Tages von Dominik Gross: „Die Hinterland of Things hat gezeigt, dass Deutschland und Europa die Antworten kennen. Was jetzt zählt, ist der Mut, sie auch umzusetzen.“
Die nächste Hinterland of Things Konferenz findet am 10. Juni 2027 statt.













