Digitale Berichterstattung

Warum Nachhaltigkeit zur Herausforderung wird

Die European Sustainability Reporting Standards (ESRS), die EU-Taxonomie oder das EU-Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG): Aus regulatorischer Sicht rollt auf viele Unternehmen aktuell eine regelrechte Berichtslawine zu. Insbesondere der Mittelstand ist darauf häufig noch nicht vorbereitet.

In vielen Fällen ist es schlichtweg die Unsicherheit, wie die verschiedenen Anforderungen zur Berichtserstellung umzusetzen sind, die vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aktuell Sorge bereitet. Und das ist nicht selten der Grund, der sie davon abhält, einfach aktiv zu werden. Erste Unternehmen müssen jedoch für das Geschäftsjahr 2024 umfangreiche Berichts- und Offenlegungspflichten zur Nachhaltigkeit erfüllen. Auch Banken und Sparkassen haben hinsichtlich der Umsetzung nachhaltigkeitsorientierter Finanzierungsstrategien noch unterschiedliche Herangehensweisen und Wirtschaftsprüfer sind zurzeit nicht in der Lage, dass sie verlässliche Kriterien zur Überprüfung der jeweiligen Berichte kommunizieren könnten. Experten gehen davon aus, dass der Beratungsbedarf für die nächsten Jahre bestehen bleibt und eher noch zunehmen wird. Das bestätigt auch eine am Bocholter Standort der westfälischen Hochschule durchgeführte Studie eines interdisziplinären Forschungsteams unter Leitung von Prof. Dr. Christian Kruse und Prof. Dr. Urs Pietschmann vom Fachbereich Wirtschaft und Informationstechnik, die der Frage nachgegangen ist, wie umfassend regional ansässige Unternehmen auf ein umfangreiches Nachhaltigkeitsreporting vorbereitet sind.

„Kleinen und mittleren Unternehmen mangelt es oft an den notwendigen finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen, den Anforderungen an Nachhaltigkeitsberichten gerecht zu werden“, benennt Professor Dr. Kruse ein Ergebnis.

Fehlende Ressourcen, der Mangel an strukturierten Daten oder die Unsicherheit hinsichtlich wesentlicher Themen befreiten sie jedoch nicht davor, die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Diese Hürde müssten viele KMU überwinden, so der Wissenschaftler.
Ein kürzlich von Haufe veröffentlichtes Whitepaper beschreibt, dass es einige „Wegbereiter“ und „Routiniers“ unter den kleinen und mittleren Unternehmen gibt, die  das Thema Nachhaltigkeit bereits strategisch fest verankert haben.  Für die Mehrheit der weniger mit dem Thema vertrauten Unternehmen ist der Einstieg nur mit höchster Anstrengung zu leisten, wie auch die Ende 2023 veröffentlichte regionale Studie der Westfälischen Hochschule zeigt. Von den insgesamt 179 befragten Unternehmen gibt knapp die Hälfte an, dass sie bislang noch keine Nachhaltigkeitsstrategie im Unternehmen implementiert hat, was sich auf unterschiedliche Hindernisse zurückführen lässt.
Ein zentrales Element, das mit der Veröffentlichung der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) an Bedeutung gewinnt, ist die doppelte Wesentlichkeitsanalyse. Danach sind Unternehmen angehalten, alle Nachhaltigkeitsaspekte auf Relevanz zu prüfen und hinsichtlich Chancen, Risiken (Outside-In) bzw. Auswirkungen (Inside-Out) zu bewerten. Dabei sind laut Studie teure Beratungsdienstleistungen für viele KMU häufig noch das Mittel der Wahl.

Quelle: Westfälische Hochschule

Der enorme Ressourcenaufwand sowohl auf zeitlicher, finanzieller als auch auf personeller Ebene wird von den meisten Unternehmen als größtes Hindernis benannt, dicht gefolgt von der Datenbereitstellung, die aktuell häufig durch delegierte Informationsbedarfe innerhalb der Lieferkette gekennzeichnet ist.
Zusätzlich spielt auch die Unsicherheit hinsichtlich der Beschaffung und des Umgangs mit den Daten eine große Rolle, da kleinere und mittlere Betriebe im Gegensatz zu Großkonzernen nur selten auf Erfahrungs- und Vergleichswerte zurückgreifen können und sich erst einmal die Basis schaffen müssen.
Demgegenüber stehen Einflüsse und Vorgaben, die von außen auf die Unternehmen einwirken. Dabei wird die Komplexität der veröffentlichten Gesetzestexte und Angabepflichten als häufigste externe Herausforderung angegeben.

„Für viele KMU sind diese schlichtweg schwer verständlich, da sie in der Regel nicht über die notwendigen Fachkompetenzen im Bereich des Nachhaltigkeitsmanagements verfügen“, beschreibt Professor Kruse die Problematik.

Und obwohl sich zahlreiche KMU mittlerweile regelmäßig mit Nachhaltigkeitsthemen auseinandersetzen, hat die Studie herausgefunden, dass das Thema oftmals noch nicht die gewünschte Prominenz im Arbeitsalltag erlangt. „Es stellt sich die Frage, wie eine entsprechende Verankerung im Unternehmen möglich ist. Denn viele Betriebe stehen aktuell vor der Herausforderung, eine erfolgreiche Nachhaltigkeitsstrategie zu implementieren, da sie ein essenzieller Baustein für erfolgreiche Unternehmensführung ist, die zunehmend durch Anforderungen der Kapitalvergabe oder regulatorischen Rahmenbedingungen beeinflusst wird“, so Dr. Kruse. Deshalb sei es wichtig, das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit zu schärfen und die Motivation der Mitarbeitenden über geeignete Anreizsysteme zu fördern. Nur so könne sich eine entsprechende Unternehmenskultur entwickeln und langfristig gelebt werden.

Vor allem bei den „Einsteigern“ stehen bislang überwiegend extrinsische Motive wie die Erfüllung der gesetzlichen Kriterien im Vordergrund. Einzelne Unternehmen identifizieren, dass durch nachhaltige Leistungen im Produktportfolio auch Wettbewerbsvorteile entstehen können bzw. eine stärkere Ausrichtung auf die Kundenanforderungen möglich ist. Dagegen werden Zielvorstellungen zur Verbesserung des CO2-Fußabdrucks oder der Energiebilanz bislang nur in wenigen Fällen intrinsisch motiviert umgesetzt, so ein weiteres Ergebnis der Studie.
„Nachhaltigkeit sollte in die Unternehmensstrategie und Organisationsstruktur abteilungsübergreifend integriert werden”, rät Sven Wolf, Geschäftsbereichsleiter Unternehmensförderung der IHK Nord Westfalen, die das Forschungsprojekt unterstützt hat. Dies könne dabei helfen, das erforderliche Bewusstsein für die Themen der Nachhaltigkeit zu schaffen. Sinnvoll sei zudem, die Stakeholder frühzeitig in den Prozess miteinzubeziehen, um eine höhere Akzeptanz der Bemühungen im Vorfeld zu erzielen.

Mangelndes Fachwissen lässt sich gezielt aufbauen. AuchSchulungsangebote von Hochschulen, Verbänden und Handelskammern zielen darauf, Defizite in der Umsetzung der Berichterstattung zu beheben. Neben Weiterbildungsformaten sind auch digitale Technologien und der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) hilfreich, die branchen- und unternehmensindividuell konkrete Umsetzungsmaßnahmen generiert. Unterstützung bieten auch Startups an, die beispielsweise aus vorhandenen Unternehmensdaten Nachhaltigkeitsberichte auf Knopfdruck erstellen.

„Gespräche mit KMU im Raum Westmünsterland machen zudem deutlich, dass die Vernetzung und der Austausch untereinander im Rahmen der Nachhaltigkeit einen erheblichen Mehrwert schaffen können. Viele Unternehmen haben sich bereits freiwillig auf den Weg gemacht und sind bereit, die Herausforderungen anzunehmen, benötigen jedoch Hilfe in den Einstieg zur Berichterstattung“, so Professor Kruse.

Hier setzt das von der EU und dem Land NRW unterstützte EFRE-Projekt DiNaOpt4KMU (Optimierte digitale Nachhaltigkeitsberichte für kleine und mittlere Unternehmen partizipativ entwickeln und flexibel umsetzen) an der Westfälischen Hochschule an. Ziel ist es, innerhalb von drei Jahren verständliche Unterstützungswerkzeuge für eine effiziente Nachhaltigkeitsberichterstattung bereitzustellen. Sie sollen helfen, mit reduziertem Aufwand, kürzeren Erstellzeiten und mehr Flexibilität die Herausforderung Berichterstattung anzugehen. Damit nachhaltiges Engagieren und Kommunizieren nicht nur den „Routiniers“ vorbehalten bleibt.

Die Studie ist online verfügbar:
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:1010-opus4-42856

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