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Maschinenbau und Startups

„Unternehmen müssen bereit sein, neue Wege der Zusammenarbeit auszuprobieren“

Kooperationen zwischen Mittelstand und Startups können für beide Seiten eine Win-Win-Situation sein. Wie der Maschinenbau von einem starken Ökosystem profitieren kann, erklärt Professor Dr. Sebastian Vogt, Direktor TECUP/garage33.

Herr Dr. Vogt, welche Vorteile kann eine stark mittelständisch und industriell geprägte Region wie OWL für Startups bieten?

Dr. Sebastian Vogt: Ostwestfalen-Lippe zählt zu den fünf industriestärksten Regionen Deutschlands. Über 140.000 mittelständische Unternehmen und international tätige Familienunternehmen erwirtschaften ein jährliches Bruttoinlandsprodukt von rund 75 Milliarden Euro. Besondere Stärken liegen im Maschinenbau sowie in der Automatisierungs- und Elektrotechnik. Die hohe Dichte an Weltmarktführern, Hidden Champions, 60.000 Studierenden sowie 5.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an unseren Hochschulen bieten sehr gute Voraussetzungen für Innovationen und Gründungen.

In den vergangenen zehn Jahren ist das Startup-Ökosystem rund um die garage33 zu einem nationalen Hotspot für wissens- und technologiebasierte Startups herangewachsen. Allein in den letzten fünf Jahren hat die garage33 über 600 Gründungsprojekte begleitet, aus denen 200 technologieorientierte Startups hervorgegangen sind. Insbesondere für Startups mit Fokus auf B2B-Märkte, Hardware, DeepTech oder industrielle Anwendungen bietet OWL durch die hohe Dichte an „Hidden Champions“ und den stark ausgeprägten Mittelstand erhebliche Vorteile. Diese enge Verbindung zur Wirtschaft ist zugleich prägend für das Startup-Ökosystem der Region. Im Vergleich zu anderen Regionen bietet OWL Startups kein „Metropolen-Chaos“, sondern strukturierte Verlässlichkeit. Die Region verwandelt den traditionellen Standortvorteil des deutschen Mittelstands – Ingenieurskunst, Zuverlässigkeit und Zuliefererdichte – direkt in einen Innovationssprung. Wer hier gründet oder sich mit seinem Startup ansiedelt, baut auf reale Märkte, stabile Partnerschaften und ein hochqualifiziertes technisches Fundament, das sich ideal mit agiler Startup-DNA kombinieren lässt.

Immer wieder wird betont, dass Kooperationen zwischen Mittelstand und Startups ein Treiber für Innovationen sind. Wie beurteilen Sie das Kooperationsinteresse von etablierten und jungen Unternehmen?

Dr. Sebastian Vogt: Das Kooperationsinteresse ist auf beiden Seiten grundsätzlich hoch – besonders in einer industriell und mittelständisch geprägten Region wie OWL. Etablierte Unternehmen suchen zunehmend nach Lösungen für Digitalisierung, Automatisierung, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit und Fachkräftemangel. Startups wiederum profitieren vom Branchenwissen, den Produktionskapazitäten, Kundenzugängen und internationalen Vertriebsstrukturen des Mittelstands.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das grundsätzliche Kooperationsinteresse häufig vom Betriebsalltag verschlungen wird, so dass diese Chancen oft verpuffen, bevor die Zusammenarbeit gestartet ist. Kommt es tatsächlich zum Kooperationsversuch, führen unterschiedliche Arbeitsweisen nicht automatisch zum Erfolg. Startups handeln meist schnell, experimentell und mit kurzen Entscheidungswegen. Mittelständische Unternehmen müssen dagegen Qualitätsanforderungen, bestehende Prozesse, IT-Sicherheit und Investitionsrisiken berücksichtigen. Hinzu kommen häufig unklare Zuständigkeiten, lange Beschaffungsprozesse oder unterschiedliche Erwartungen an Pilotprojekte.

Welche Fehler machen Unternehmen beim ersten Kontakt mit Startups besonders häufig?

Dr. Sebastian Vogt: Der häufigste Fehler bei ersten Kontakten mit Startups ist zumeist nicht mangelnde Kreativität, sondern das Fehlen einer klaren Strategie zur Art der Zusammenarbeit. Unternehmen behandeln Startups oft als universelle „Innovations-Dienstleister“, ohne vorher zu definieren, welches Business-Modell sie selbst mit der Kooperation verfolgen wollen. Wichtige Fragen, die sich die Unternehmen vor einer Zusammenarbeit stellen sollten, lauten: Wollen wir Kunde sein, um von innovativen Technologien zu profitieren (Venture Clienting-Modell)? Oder wollen wir Investor sein, um Einblick in frühzeitige Technologietrends und Märkte zu erhalten, die erst in einigen Jahren relevant werden (Corporate Venture Capital) oder wollen wir völlig neue Startups aus eigener Kraft – oft mit internem Know-how und eigenen Ressourcen – aufbauen?

Die Zusammenarbeit scheitert daher zumeist nicht am Willen, sondern eher daran, dass Mittelständler ein „One-Size-Fits-All-Modell“ anstreben. Welche Strategie ein Unternehmen auch immer verfolgen möchte: Generell kann ich empfehlen, Startups nicht nur als Ideengeber zu betrachten, sondern als potenzielle Lieferanten und Partner. Schnelle Rückmeldungen, einfache Verträge, bezahlte Tests und Zugang zu echten Daten beziehungsweise Anwendern machen einen Mittelständler für Startups attraktiv.

Wie kommt der mittelständische Maschinenbau konkret ins Handeln? Wie könnten erste niederschwellige Einstiegsangebote für eine Kooperation aussehen?

Dr. Sebastian Vogt: Ein guter erster Schritt ist, Berührungspunkte zwischen etablierten Unternehmen und Startups zu schaffen, ohne dass daraus von Anfang an eine konkrete Kooperation entstehen muss. Gerade für mittelständische Unternehmen kann es hilfreich sein, zunächst Startups kennenzulernen, konkrete Anwendungsfelder zu entdecken und ein Gefühl für mögliche gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Veranstaltung „Werkhalle trifft Garage“, initiiert durch owl maschinenbau, welche wir im September in der garage33 durchgeführt haben. Das Branchen- und Kompetenznetzwerk für Maschinenbau, Automatisierungstechnik und Produktionstechnik in OWL hat die Veranstaltung in diesem Jahr gemeinsam mit der garage33 vor dem Hintergrund geplant, um den Austausch zwischen etablierten Unternehmen und innovativen Gründungsteams zu fördern. Für die Startups bietet das Format die Möglichkeit, ihre Lösungen direkt relevanten Unternehmen vorzustellen und erste Kontakte zu potenziellen Partnern oder Kunden aufzubauen. Auch mit „5 vor 12 – der Wirtschaftslunch“, den wir gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Paderborn durchführen, schaffen wir regelmäßig zielgerichtete Begegnungsmöglichkeiten. Zu wechselnden Fokusthemen kommen Unternehmen und Startups während ihrer Mittagspause zusammen, geben Impulse aus unterschiedlichen Perspektiven und können sich im Anschluss persönlich austauschen und vernetzen.

Solche Formate sind ein guter erster Schritt, weil daraus nicht unmittelbar eine Kooperation entstehen muss. Sie schaffen zunächst Begegnungen und machen es leichter, gemeinsame Potenziale zu erkennen. Aus einem ersten Gespräch kann anschließend beispielsweise ein Pilotprojekt, ein bezahlter Test oder eine längerfristige Zusammenarbeit entstehen. Die garage33 versteht sich dabei als Plattform und Vernetzerin innerhalb des Startup-Ökosystems. Gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Handwerk bringen wir etablierte Unternehmen gezielt mit innovativen Gründungsteams zusammen. Für den Maschinenbau kann das ein einfacher Weg sein, erste Berührungspunkte mit neuen Technologien und Geschäftsmodellen zu schaffen und daraus konkrete nächste Schritte für die Praxis zu entwickeln.


„Gerade in einer Region wie OWL, in der ein starker Maschinenbau auf ein wachsendes Startup-Ökosystem trifft, können beide Seiten voneinander profitieren und sich gegenseitig verstärken.“


Können Sie ein Beispiel für eine gelungene Kooperation nennen, bei der ein Startup einem Maschinenbauer einen messbaren Nutzen gebracht hat?

Dr. Sebastian Vogt: In unserem Netzwerk gibt es mehrere Beispiele für Startups, die mit Unternehmen aus dem Maschinenbau zusammenarbeiten und dort konkreten Mehrwert schaffen, darunter Cellgo, PALPRINT, assemblean, Unchained Robotics oder auch Synctive.

Ein besonders interessantes Beispiel ist für mich Additive Marking, ein 2018 gegründetes Startup, das wir als garage33 unterstützt haben. Bei Additive Marking dreht sich alles um Rückverfolgbarkeit und eine effiziente Digitalisierung industrieller Prozesse. Sie verbinden drei Bausteine: die eindeutige Markierung von Produkten und Einzelteilen, eine Scan-Technologie, mit der diese Markierungen robust und mobil ausgelesen werden können, und den digitalen Produktpass, über den die damit verbundenen Produktinformationen digital verwaltet werden können. Mit Pass-X.eu hat das Unternehmen hierfür eine eigene Plattform zur Erstellung und Verwaltung digitaler Produktpässe geschaffen. Darüber lassen sich beispielsweise Informationen zu Materialchargen, Konformitätsnachweisen oder weiteren Produktdaten hinterlegen, abrufen und ergänzen. Die Lösung richtet sich insbesondere an Unternehmen aus dem Maschinenbau und an solche, die mit Maschinen industrielle Produkte herstellen.

Wie konkret der Nutzen für Maschinenbauer aussehen kann, zeigt die Kooperation mit der Kurt Zecher GmbH, einem der führenden Hersteller von Rasterwalzen für die Druckindustrie aus Paderborn. Additive Marking unterstützt das Unternehmen bei der sogenannten „Letzte-Meile-Digitalisierung“. Hierzu wird der Technologie-Stack von Additive Marking genutzt, um Schritt für Schritt Prozesse entlang der Wertschöpfungskette bei Zecher zu digitalisieren. Die Werker erhalten dabei genau die für den jeweiligen Prozessschritt relevanten Informationen auf einem Tablet. Unterstützt durch eine App führen sie beispielsweise Arbeitsschritte in der Qualitätssicherung durch, erstellen automatisiert Prüfprotokolle und Zertifikate und spielen die erfassten Daten direkt in das ERP-System zurück. Das messbare Ergebnis: Die maßgeschneiderte Digitalisierung reduziert die Prozesszeiten erheblich, während gleichzeitig die Genauigkeit und Reproduzierbarkeit der Prüfungen steigen.

Was in diesem Fall besonders spannend ist: Mit diesen Digitalisierungsaktivitäten schafft Zecher bereits heute eine wichtige Datengrundlage für den späteren Einsatz digitaler Produktpässe. Gerade mit Blick auf neue regulatorische Anforderungen wird dieser Ansatz zunehmend relevant. Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) schafft den rechtlichen Rahmen für den Digitalen Produktpass in der EU. Die entsprechenden Anforderungen werden schrittweise für verschiedene Produktgruppen eingeführt. Additive Marking trifft dabei genau den Kern und entwickelt mit Pass-X.eu die technologische Lösung, mit der Unternehmen zunächst ihre Prozesse praxisnah digitalisieren und die entstehenden Daten perspektivisch für Digitale Produktpässe nutzen können. Die Kooperation zwischen Additive Marking und der Kurt Zecher GmbH zeigt damit deutlich, wie Startups neue Technologien in bestehende industrielle Prozesse bringen, unmittelbar messbare Verbesserungen erzielen und Unternehmen gleichzeitig auf kommende regulatorische Anforderungen vorbereiten.

Ein Blick in die nächsten Jahre: Kann der Maschinenbau zum Wachstumsmotor der Startup-Szene werden – und die Startup-Szene gleichzeitig zum Innovationstreiber des Maschinenbaus?

Dr. Sebastian Vogt: Ja, das Potenzial ist aus meiner Sicht definitiv vorhanden. Gerade in einer Region wie OWL, in der ein starker Maschinenbau auf ein wachsendes Startup-Ökosystem trifft, können beide Seiten voneinander profitieren und sich gegenseitig verstärken. Damit der Maschinenbau tatsächlich zum Wachstumsmotor der Startup-Szene werden kann, braucht es allerdings eine gewisse Offenheit für neue Formen der Zusammenarbeit. Startups sollten nicht nur als Ideengeber oder Innovationsquelle betrachtet werden, sondern als potenzielle Lieferanten, Technologie- und langfristige Geschäftspartner. Gleichzeitig müssen Unternehmen bereit sein, neue Wege der Zusammenarbeit auszuprobieren und dafür passende Strukturen und Entscheidungswege zu schaffen.

Umgekehrt kann die Startup-Szene wichtige Impulse in den Maschinenbau bringen: neue Technologien, Geschäftsmodelle und vor allem eine andere Geschwindigkeit, Dinge auszuprobieren und auf den Markt zu bringen. Gerade bei Themen wie künstlicher Intelligenz, Automatisierung, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit können Startups dabei helfen, neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und in konkrete Anwendungen zu übersetzen. Entscheidend wird deshalb sein, dass aus dem grundsätzlichen Interesse an Zusammenarbeit konkrete Strategien werden. Wenn Unternehmen wissen, welche Rolle Startups für die eigene Innovationsstrategie spielen sollen, und gleichzeitig Räume für Begegnung, Pilotprojekte und echte Kooperationen entstehen, kann daraus ein sehr wirkungsvoller Kreislauf entstehen: Der Maschinenbau bietet Startups reale Märkte, Kunden, Know-how und industrielle Strukturen, während Startups neue Technologien und Impulse in die Unternehmen bringen. Gerade darin sehe ich für OWL eine große Chance. Die Kombination aus industrieller Stärke, Mittelstand und einem technologieorientierten Startup-Ökosystem kann zu einem echten Standortvorteil werden, wenn beide Welten noch stärker aufeinander zugehen.

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