BERUFLICHE KOMPETENZEN

„Lernen muss stärker individualisiert und flexibilisiert werden“

Weiterbildung gilt als eine der zentralen Zukunftsfragen, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität in Deutschland geht. Welche Kompetenzen notwendig sind und wie sich Wissenslücken schließen lassen, erklärt Professor Dr. rer. oec. Thomas Süße von der Hochschule Bielefeld (HSBI), Campus Gütersloh.

Prof. Dr. rer. oec. Thomas Süße lehrt und forscht im Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik an der Hochschule Bielefeld (HSBI), Campus Gütersloh. Fachgebiet ist der Bereich Personal und Organisation. (Foto: HSBI Bielefeld)

Herr Professor Süße, welche Bedeutung haben berufliche Qualifikation, Aus- und Weiterbildung, um die Innovationsfähigkeit, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland zu sichern?

Dr. Thomas Süße: Berufliche Qualifikationen und die – im allgemeinen Sinne – darauf aufbauenden beruflichen Handlungskompetenzen wie zum Beispiel Selbstreflexionsfähigkeit, Kooperations- und Kommunikationskompetenzen oder die Fähigkeit, komplexe Problemstellungen selbstorganisiert strukturieren und bearbeiten zu können, spielen sowohl aktuell als auch zukünftig eine bedeutende Rolle. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese und weitere Fähigkeiten auch in Zukunft wichtige Voraussetzungen für den Erfolg des Wirtschaftsstandorts Deutschlands sind. Nach meiner Erfahrung aus vielen Gesprächen mit Unternehmen ist es gerade in einer wirtschaftlich eher herausfordernden Phase besonders wichtig, dass Betriebe in den Bereich Aus- und Weiterbildung weiterhin auf hohem Niveau investieren. Nur so sind wir für die Zukunft und das bereits begonnene „KI-Zeitalter“ gut aufgestellt.

Welche Kompetenzen sind für Unternehmen in den nächsten fünf Jahren entscheidend?

Dr. Thomas Süße: Wenn wir einmal zurückblicken, welche tiefgreifenden Veränderungen in den letzten fünf Jahren stattgefunden haben, erscheint eine Prognose auf die Entwicklungen und Trends der nächsten fünf Jahre nur unter gewissen Einschränkungen möglich. Was aus meiner Sicht eine zentrale Zukunftskompetenz ist, die wir heute schon in Aus- und Weiterbildung aufzubauen anstreben, ist die Fähigkeit zu einem kritisch-konstruktiven Umgang mit sehr unterschiedlichen KI-basierten Systemen. Im weitesten Sinne meint dies „AI-Literacy“. Essenziell ist aus meiner Sicht die Entwicklung und Förderung KI-bezogener Kooperations- und Kollaborationskompetenz. Diese Kompetenz umfasst aus meiner Sicht einerseits eine eher operative Komponente der konstruktiv-kritischen Nutzung von KI-Systemen im Berufsalltag und andererseits eine strategische Ebene. Letztere umfasst vor allem stärker reflexive Fähigkeiten in Bezug auf aktuelle und zukünftige Potenziale und Risiken von KI im eigenen Arbeitsfeld und darüber hinaus. Dies umfasst unter anderem die Fähigkeit des Menschen, während der Zusammenarbeit mit immer leistungsfähigerer KI auch zukünftig eine sinnstiftende Rolle einnehmen zu können. 


„Mit Skill-Mapping können wir die Fähigkeiten und Kenntnisse der Mitarbeitenden systematischer erfassen, analysieren und vor dem Hintergrund der sich verändernden Arbeitsanforderungen besser einordnen und bewerten.“


Wissen veraltet in rasanter Geschwindigkeit. Wie gelingt es, Kompetenzlücken bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu identifizieren und erfolgreich zu schließen?

Dr. Thomas Süße: Es ist spannend zu beobachten, dass mit dem Einzug von LLMs auch das Thema Wissensmanagement noch einmal an Relevanz gewonnen hat. Letzteres trägt maßgeblich zur Innovations- und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und auch zum Kompetenzmanagement bei. Am Markt und in der Forschung existieren bereits einige vielversprechende intelligente Tools, die ein dynamischeres und auf Potenziale hin ausgerichtetes Skill-Mapping in Unternehmen unterstützen können. Mit Skill-Mapping können wir die Fähigkeiten und Kenntnisse der Mitarbeitenden systematischer erfassen, analysieren und vor dem Hintergrund der sich verändernden Arbeitsanforderungen besser einordnen und bewerten. Auf diese Weise lässt sich häufig auch schneller zeigen, wo Kompetenzlücken im Unternehmen entstehen oder Potenziale noch nicht genutzt werden. Wichtig ist hierbei, dass Skill-Mapping nicht nur die formalen Qualifikationen (z. B. Abschlüsse) der Mitarbeitenden in den Blick nimmt, sondern eine stärker kompetenzorientierte Ausrichtung erfährt, d. h. konkrete Informationen über aktuelle Tätigkeiten und Problemlöseprozesse der Mitarbeitenden in die Analyse mit einfließen. Weiterhin zeigt sich seit längerem, dass jährliche Mitarbeitergespräche immer noch ihre Berechtigung haben. Allerdings können auch kürzere informelle Gespräche in regelmäßigeren Abschnitten helfen, neue Herausforderungen schneller zu adressieren und Kompetenzlücken erfolgreicher zu schließen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass erfolgreiches Lernen zu einem großen Teil am Arbeitsplatz selbst stattfindet. Vor diesem Hintergrund ist die lernförderliche Arbeitsplatzgestaltung ein wichtiger Baustein für die zielgerichtete Kompetenzentwicklung der Belegschaft. 

Wie lassen sich neue Technologien wie KI und Automatisierung in die Weiterbildung integrieren und wo liegen die Vorteile?

Dr. Thomas Süße: Durch neuere Lernmanagementsysteme und KI lässt sich Lernen stärker individualisieren und flexibilisieren. Gleichzeitig kann es gelingen, einen hohen Qualitätsstandard zu gewährleisten. Gelingt es einem Unternehmen, sein Aus- und Weiterbildungsprogramm mit dem oben kurz beschriebenen Skill Mapping intelligent zu verzahnen, kann Kompetenzentwicklung deutlich zielgenauer und damit wirksamer erfolgen. 

Gibt es auch Nachteile?

Dr. Thomas Süße: Ja, leider haben die meisten modernen Technologien nicht nur Vorteile. Wir wissen, dass Lernen oft ein sehr dynamischer und für viele Menschen auch wenig gradliniger Prozess ist. Dieser Tatsache können selbst die modernsten KI-basierten Tools nur bedingt Rechnung tragen. Umso wichtiger ist es daher, eine gute Balance zwischen der individuellen Flexibilität und den die Lernprozesse optimierenden Algorithmen zu schaffen. Kurz gesagt: Technologie sollte ermöglichen, motivieren und neue Lernräume schaffen, jedoch nicht zu mechanistischen Lernprozessen führen. Häufig sehen wir, dass gewisse Lerntypen von Lerntools zu stark stereotypisiert werden. Dies kann Menschen im Lernprozess demotivieren, steigert die Gefahr des Abbruchs und mindert so die Wahrscheinlichkeit, dass auch wirklich neue oder erweiterte Kompetenzen erworben werden.

Neben technischem Wissen sind auch die sogenannten Soft Skills eine wichtige Basis für erfolgreiche Teams. Auf welche Fähigkeiten kommt es besonders an?

Dr. Thomas Süße: Bereits heute setzen sich Teams in einigen Unternehmen nicht mehr nur aus Menschen zusammen. Vielmehr nehmen auch auf KI basierende autonome Agenten zunehmend wichtige Rollen in Teams wahr. Vor allem in agilen Projektteams, zum Beispiel in der Programmierung, kann man diesen Trend seit geraumer Zeit beobachten. Aber auch in anderen Arbeitsfeldern beobachten wir, dass unterschiedliche Teamrollen vermehrt durch KI-Agenten ausgefüllt werden. Dennoch sehen wir bislang, dass diese Agenten wenig „echte Empathie“ gegenüber den menschlichen Kolleginnen und Kollegen zeigen können. Entsprechend diesen Entwicklungen und der zunehmenden Ambiguität und Dynamik in nahezu allen Arbeitsumgebungen sind daher emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit wichtige Kompetenzen für eine produktive und konstruktive Teamarbeit.

Welche Rolle spielen Führungskräfte bei der Förderung von Lernkultur und Qualifizierung?

Dr. Thomas Süße: Führungskräfte spielen hier eine sehr bedeutende Rolle. Kernelemente, die zur Förderung der Lernkultur beitragen können, sind unter anderem das Schaffen von Freiräumen und damit die Förderung von Selbstorganisation und Lernen am Arbeitsplatz, die Vereinbarung anspruchsvoller und gleichwohl realistischer Ziele sowie die Sicherstellung, dass Tätigkeiten vor allem sinnstiftenden Charakter haben. Die Forschung ist sich hier relativ einig, dass diese Führungsinstrumente zur Stärkung der Lernkultur in Unternehmen beitragen und die Qualifizierung auf einem hohen Niveau halten können. 

Eine Frage zum Praxistransfer: Sie arbeiten zurzeit an einem Projekt, an dem  Unternehmen direkt partizipieren können. Worum geht es hier?

Dr. Thomas Süße: In unserem aktuellen Projekt „Smart Transform“ möchten wir möglichst vielen Unternehmen aus der Region aufzeigen, wie sie ihre Wertschöpfungsprozesse vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen weiter modernisieren und verbessern können. Die zielgerichtete Qualifizierung der Belegschaft liegt bei diesem Projekt im Zentrum. Hierbei widmen wir uns vor allem den Themen Technologie (KI) als Treiber von Innovation, Resilienz in Krisensituationen und der zukünftigen Rolle des Menschen in modernen Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Im Rahmen des Projekts bieten wir Unternehmen wissenschaftlich fundierte Selbstchecks und Benchmarks an, um gemeinsam zu identifizieren, welche nächsten Schritte in einer Transformation sinnvoll sein können. Ich freue mich sehr, wenn sich interessierte Unternehmen direkt bei mir melden!

Weitere Informationen: thomas.suesse@hsbi.de

spot_img

Weitere Beiträge

mawi PremiumPartner