Auf dem Arbeitsmarkt ist zurzeit wenig Dynamik. Ein moderater Anstieg der Arbeitslosenzahlen, weniger offene Stellen und Fachkräfteengpässe in einigen Branchen: Das gilt auch für den neuen Agenturbezirk Detmold-Paderborn. Warum Unternehmen jetzt mehr auf Ausbildung und Qualifizierung setzen sollten.
Manfred Müller betreibt ein Ingenieurbüro. Seit Monaten ist eine Stelle vakant. Sie zu besetzen, erweist sich als enorm schwierig. Bewerbungen von jungen Menschen bekommt er zwar, aber deren Profile passen nicht zu der ausgeschriebenen Position. Das ist kein Einzelfall. In bestimmten Branchen suchen Unternehmen seit langem Fachkräfte – und das oftmals vergeblich. Auf der anderen Seite finden immer mehr Menschen keinen Job. „Wir beobachten seit Langem, wie schwierig es ist, qualifizierte Stellen zu besetzen. Die meisten Angebote, die uns gemeldet werden, adressieren Fachkräfte“, sagt Heinz Thiele, Chef der Arbeitsagentur Detmold-Paderborn, die seit Anfang Januar als Zusammenschluss der Agenturen Detmold und Paderborn mit den Kreisen Lippe, Paderborn und Höxter tätig ist.
Auch die Vakanzzeit, also der Zeitraum, bis eine Stelle wieder besetzt ist, sei größer geworden. Ein deutliches Indiz dafür, dass die entsprechenden Personen für den vakanten Arbeitsplatz nicht vorhanden sind. Für Thiele ist die Thematik nicht neu. Schon vor einigen Jahren habe man sehen können, wohin die Entwicklung geht, und leider nicht gehandelt: Nämlich, dass die Fachkräftesicherung und die bevorstehende demografische Entwicklung die größten Herausforderungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes sind. „Wir befinden uns erst am Anfang. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand und damit wird sich die Demografielücke, also die Zahl derer, die geht, und die Zahl derer, die nachrückt, weiter vergrößern“, so Heinz Thiele.

Arbeitgeber seien deshalb gut beraten, langfristige Strategien für die Bewältigung dieser Herausforderungen zu entwickeln. Der Arbeitsmarktexperte sieht in der eigenen Ausbildung das beste Instrument für eine nachhaltige Fachkräftesicherung und empfiehlt eine Ausbildung auf Vorrat. „Es ist sinnvoll, antizyklisch zu denken. Ich weiß aber auch, dass Unternehmen in schwierigen Zeiten gerade in diesem Bereich Zurückhaltung zeigen. Wer sich jedoch strategisch langfristig aufstellen möchte, der sollte jetzt verstärkt in die Ausbildung investieren. Firmen mit guten Fachkräften haben in den nächsten Jahren einen riesigen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen“, so Thiele. Denn eines sei jetzt schon klar: Wer jetzt nicht ausbilde, der werde in guten Zeiten keine Leute finden.
Zwar steht Ostwestfalen-Lippe mit Blick auf die Ausbildungsaktivitäten der Unternehmen ganz gut da. Dennoch könnte, so Thiele, noch mehr geschehen, indem man zum Beispiel eine größere Offenheit für verschiedene Personengruppen zeigt. Der Arbeitsmarktexperte verweist auf die Potenziale von Menschen, die die deutsche Sprache nicht perfekt beherrschen, auf Schwerbehinderte und Berufsrückkehrerinnen. Aber auch auf die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland. Während im Gesundheits- und Pflegebereich schon einiges gut laufe, sei im gewerblichen Bereich noch Luft nach oben. Aber er kennt auch die Probleme: „Wenn sich die Personalabteilung dann auch noch um die Wohnungssuche und die soziale Integration kümmern muss, sinkt oftmals die Motivation. Und so kann manchmal etwas theoretisch volkswirtschaftlich notwendig und richtig erscheinen, sich betriebswirtschaftlich aber nicht als umsetzbar erweisen“, sagt Heinz Thiele. Der Agenturchef sieht künftig keine befriedigende Lösung mit Blick auf die demografische Lücke. Vielmehr müsse man sich damit abfinden, dass der Mangel qualitativ nicht auszugleichen ist. Auch die Zuwanderung allein könne die fehlenden Fachkräfte nicht kompensieren.
Firmen mit guten Fachkräften haben in den nächsten Jahren einen riesigen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen.
Deshalb setzen die Agenturen in der Region weiterhin verstärkt auf die Aus- und Fortbildung von Arbeitslosen, aber auch von Beschäftigten in Unternehmen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, einen Abschluss zu bekommen oder sich für eine andere Aufgabe zu qualifizieren. „Diese Angebote sind oftmals nicht bekannt. Sofern die Voraussetzungen erfüllt sind, lassen sich sowohl kurze fachspezifische Weiterbildungen als auch vollständige Umschulungen durchführen, die zudem finanziell gefördert werden“, so Heinz Thiele.
Er weiß aber auch, dass gerade kleinere Unternehmen davor zurückschrecken, Fördermöglichkeiten der Arbeitsagentur zu beantragen, weil dies mit einem gewissen Verwaltungsaufwand einhergeht. Doch auch hier nimmt er mögliche Bedenken: „Unser Arbeitgeber-Service berät und unterstützt Personalentscheider von der Personalplanung über die Personalsuche bis hin zur Antragsstellung.“
Neben dem weiter steigenden Fachkräftebedarf und der demografischen Entwicklung fordert auch die Transformation die Unternehmen zum Handeln. Die rasanten Marktveränderungen verlangen neue Qualifikationen von Beschäftigten, die durch regelmäßige Fort- und Weiterbildungen vermittelt werden. „Allein die Veränderungen in der Energie- und Mobilitätsbranche sind enorm. Wir können hier finanziell bei der Wissensvermittlung unterstützen“, so Thiele, der sich manchmal ein wenig mehr Kreativität von allen Beteiligten wünscht.
Der Agenturchef hat konkrete Vorstellungen: So könnte zum Beispiel bei den Helfern in einem Unternehmen, die in konjunkturell schwierigen Zeiten als erste ihren Job verlieren, gezielt geschaut werden, ob der ein oder die andere sich nicht für eine Qualifizierung für eine Facharbeiterstelle eignet. Nach einer zwei- bis zweieinhalbjährigen Ausbildung, die über die Lohnkosten der Agentur für Arbeit finanziert wird, stehen sie dem Betrieb mit ihrem neu erworbenen Wissen zur Verfügung. Sollte die wirtschaftliche Situation sich nicht verbessert haben und sie nicht weiter beschäftigt werden können, haben diese Menschen eine viel bessere Chance wieder in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, weil sie über eine abgeschlossene Ausbildung verfügen.
Thiele weiß, dass Arbeitgeber einen größeren Aufwand haben und einiges an Detailarbeit auf sie zukommt, wenn sie auf Ausbildung setzen, zumal sich im Betrieb auch Beschäftigte um die Auszubildenden kümmern müssen. Dennoch überwiegen für ihn die Vorteile dieses Instruments. „Hier haben wir eine große Chance, präventiv zu gestalten, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.“
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich nicht nur deutschlandweit im letzten Jahr aufgrund der schwierigen konjunkturellen Lage verschlechtert, sondern auch in der Region. So stieg die Arbeitslosigkeit im Agenturbezirk Detmold und Paderborn im Vergleich zum Vorjahr leicht an.In der Konsequenz wird es für Arbeitsuchende schwieriger, eine neue, angemessene Stelle zu finden. Denn die Unternehmen haben weniger freie Stellen gemeldet als im Vorjahr. „Ein eindeutiger Indikator für die Zurückhaltung der Unternehmen wegen der wirtschaftlichen Situation“, so Heinz Thiele mit Blick auf die aktuellen Zahlen. Die Zurückhaltung bei den Neueinstellungen erschwere es vielen Arbeitslosen eine Beschäftigung aufzunehmen. „Ein wichtiges, stabilisierendes Momentum ist die Tatsache, dass Unternehmen versuchen, eingearbeitete Mitarbeitende so gut es geht im Betrieb zu halten“, so Thiele. So sei ein noch höherer Anstieg der Arbeitslosigkeit vermieden worden.
Eine Besonderheit zeigt der Kreis Höxter: Hier ist die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu 2024 gesunken. Dieser ländliche Raum meldet generell eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit, die im Dezember 2025 bei 4,3 Prozent lag. Laut Thiele gibt es zwei Gründe für diese Entwicklung: die erfolgreiche Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt und der Rückgang von Zuweisungen geflüchteter Menschen in den Kreis. Als zweite Ursache verweist er auf die demografische Entwicklung in der ländlich geprägten Region, die sich hier bereits viel stärker bemerkbar gemacht habe als andernorts. Außerdem müsse man berücksichtigen, dass auch Arbeitslose irgendwann in Rente gehen und damit aus der Statistik fallen.
Es fehlt an Wachstumsimpulsen
Große Hoffnung, dass sich auf dem Arbeitsmarkt in diesem Jahr etwas ändern wird, hat Heinz Thiele nicht. Er sieht keinen Wachstumsimpuls, der den Markt in Bewegung bringen könnte, deshalb geht er von einer Stagnation bei den Arbeitslosenzahlen, eventuell von einem leichten Anstieg, aus.
Für ihn und sein Team ist das kein Grund zum Pessimismus, sondern Motivation, Unternehmen bei der Fachkräftesuche zu unterstützen und auf die Möglichkeiten von Qualifizierung und Ausbildung hinzuweisen. Das geschieht seit Beginn dieses Jahres noch dienstleistungsorientierter, wie Heinz Thiele erklärt. Seit der Fusion der Agenturen Detmold und Paderborn mit Hauptsitz in der Domstadt hat man sich nun noch stärker organisatorisch aufgestellt.
„Die wesentlichen Änderungen betreffen insbesondere die interne Organisations- und Führungsstruktur. Damit sollen Synergieeffekte genutzt werden, um eine bessere Dienstleistung für unsere Kundinnen und Kunden zu erbringen und geschäftspolitische Ziele noch effektiver und effizienter umsetzen zu können“, so Thiele, der viele Jahre im Kreis Lippe tätig war und bis Ende 2025 die Agentur für Arbeit Paderborn leitete.
Die Zusammenlegung von Arbeitsagenturen ist nichts Neues, sondern basiert auf einer geschäftspolitischen Strategie der Bundesagentur für Arbeit, die beim Unterschreiten einer gewissen Personalstärke Fusionen vorsieht. Das sei in Detmold und Paderborn der Fall gewesen. „Beide Städte haben eine ähnliche Wirtschaftsstruktur. Außerdem seien beide Kreise eng miteinander verbunden, wie beispielsweise auch die Fusionen von Kreishandwerkerschaft Paderborn und Lippe sowie von Sparkasse Paderborn und Detmold in den letzten Jahren gezeigt hätten.
„Durch die Fusion können wir unsere Angebote und die Betreuung optimieren. Das ist entscheidend, denn nicht wir als Organisation, sondern der Kunde steht im Mittelpunkt.“






