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pro Wirtschaft GT

„Schritt für Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen Wirtschaft“

Der Kreis Gütersloh ist mit den Branchen Metall, Elektro, Maschinen- und Fahrzeugbau, Handel, Nahrungsmittel und Getränke sowie Holz und Möbel stark von der Industrie geprägt. Wie es um die Nachhaltigkeit der Wirtschaft bestellt ist, und wie Unternehmen den aktuellen Herausforderungen begegnen, erklären Nikola Weber, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft pro Wirtschaft GT (proWi), und der dortige Referent für Transformation und Nachhaltigkeit Jonas Keldenich.

Die meisten Unternehmen sind vor dem Hintergrund steigender Energiepreise, Lieferengpässe und umweltpolitischer Vorgaben gefordert, ihre Geschäftsausrichtung oder auch ihre Energieversorgung neu aufzustellen. Welche neuen Chancen eröffnen sich für die Unternehmen, wenn sie auf nachhaltiges Wirtschaften setzen bzw. die Energiewende flexibel und resilient mitgestalten?
Nikola Weber: Als Wirtschaftsförderungsgesellschaft verstehen wir die Sorgen vieler Unternehmen: steigende Material- und Energiepreise, Lieferengpässe, Regulatorik. Aber jede Krise beinhaltet auch Transformationssignale und Chancen. Wobei eine Transformation eine Herausforderung bleibt, die gute Unterstützungsangebote unabdingbar macht.
Für die meisten Unternehmen lohnen sich jedoch notwendige Investitionen auch wirtschaftlich – sogenannte No-regret-Maßnahmen: eine PV-Anlage auf dem Dach, eine effizientere Prozesskühlung, eine Wärmepumpe statt der alten Gasheizung. Die proWi informiert zu Fördermitteln für Investitionen, die Energieverbrauch und Kosten senken. Diese Maßnahmen sparen nicht nur Geld, sondern zahlen auch positiv auf die eigene Treibhausgas- und Energiebilanz ein.
Unsere Überzeugung ist, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit verbessern – sie verringern Abhängigkeiten von knappen Rohstoffen und fossiler Energie. Zudem verlangen immer mehr Auftraggeber von ihren Lieferanten Nachweise über die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards. Auch bei der Suche nach Personal hinterfragen Bewerbende zunehmend, wie Arbeitgeber nachhaltiges Wirtschaften umsetzen. Nachhaltig aufgestellte Unternehmen haben zudem einen verbesserten Zugang zu Kapital für notwendige Investitionen.

Welche Aspekte umfasst nachhaltiges Wirtschaften?
Jonas Keldenich: Der Begriff, der am häufigsten fällt, ist Enkeltauglichkeit – und der trifft es gut. Es geht darum, das Wohlstandsversprechen zu erneuern, ohne die Chancen zukünftiger Generationen zu verspielen.
Die globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen wurden von 193 Ländern unterzeichnet – ein bemerkenswerter Konsens. Das Bundesverfassungsgericht hat 2021 klargestellt, dass der Staat die Freiheitsrechte künftiger Generationen nicht aufbrauchen darf. Im Kern hat Nachhaltigkeit drei Dimensionen: Umwelt (ökologische Dimension), Menschen (soziale Dimension) und Wirtschaft (ökonomische Dimension).
Nicht alles, was ökologisch und sozial den Zielen entspricht, rechnet sich für Unternehmen unmittelbar auch monetär. Unternehmen, die faire Löhne zahlen, sauber produzieren und in Kreisläufe investieren, haben oft höhere Kosten als Unternehmen, die diese Kosten auf die Allgemeinheit oder auf künftige Generationen abwälzen. Um nachhaltiges Wirtschaften konsequent zu fördern, bedarf es neuer, fairer Wettbewerbsbedingungen: Nachhaltigkeit muss sich betriebswirtschaftlich rechnen oder für alle verpflichtend sein.

Nachhaltigkeit ist dabei kein Zustand, den man irgendwann erreicht und abhaken kann. Nachhaltigkeit ist ein Prozess. Entscheidend sind Authentizität und Transparenz: ehrlich sagen, wo das Unternehmen steht, und sichtbar machen, wohin man will.
Dabei können sich Unternehmen an zwei Leitplanken orientieren: faire Bedingungen für Menschen und ein Geschäftsmodell, das planetare Grenzen wahrt. Dazwischen liegt der Gestaltungsspielraum, den jedes Unternehmen für sich ausgestalten kann.

Ein Blick auf den Kreis Gütersloh: Wo stehen die Unternehmen mit ihren Nachhaltigkeitsbemühungen bzw. wie groß ist das Engagement seitens der Wirtschaft, in neue Technologien zu investieren? Wie sehen Sie den Raum Gütersloh im Vergleich zu anderen Kreisen in der Region?
Nikola Weber: Wie gesagt, Nachhaltigkeit ist ein Prozess, an dem in den Unternehmen konstant gearbeitet wird. Deshalb fällt eine Einordnung zumal über die Gesamtheit der Unternehmen in Kreis Gütersloh auch schwer. Entscheidend ist, dass sich Unternehmen auf den Weg machen. Als Wirtschaftsförderung haben wir den Eindruck, dass viele Unternehmen im Kreis Gütersloh bereits gestartet und auf einem guten Weg sind. Aktuell treibt die Energiekrise auch aus ökonomischen Aspekten die Umstellung von fossilen auf regenerativer Energie voran.
Wir bieten ein umfassendes Programm an Informationsveranstaltungen, Workshops und Sprechstunden an – die gute Nachfrage zeigt, dass die Themen der Transformation auf Interesse stoßen. Wir kennen außerdem viele gelungene Praxisbeispiele von engagierten Unternehmen im Kreis Gütersloh.
Mit Blick auf die Region OWL sind viele Unternehmen im OWL-weiten Projekt Green.OWL engagiert, das von der OWL GmbH koordiniert wird. Ich habe den Eindruck – der Kreis Gütersloh ist hier im Einklang mit der Region unterwegs. Einen Blick auf die Umsetzung der SDG-Ziele in den Kommunen ermöglicht das SDG-Portal der Bertelsmann-Stiftung, wobei hier auch Bereiche gemonitort werden, die über den Wirtschaftsbereich hinausgehen.



Wie unterstützen Sie Unternehmen, um die Bereiche Transformation, Nachhaltigkeit und Innovation voranzubringen?
Jonas Keldenich: Die Angebote der pro Wirtschaft GT zum Themenfeld Nachhaltigkeit reichen von der Praxisreihe Nachhaltig.wirtschaften, in der wir gute Beispiele von engagierten Unternehmen vorstellen, über den Transformation.Tuesday – ein niederschwelliges Online-Format, in dem alltagspraktische Wissenshappen, nützliche Skills und konkrete Methoden vorgestellt werden. Für individuelle Fragestellungen bieten wir Einzelgespräche und Sprechstunden mit Experten an.
Aus Sicht der pro Wirtschaft GT gehen die Themen Transformation, Nachhaltigkeit und Innovation Hand in Hand. Wenn Unternehmen darüber nachdenken, wie fossile Materialien, Werkstoffe und Energie ersetzt werden können, setzt dies eine Veränderungswelle in Gang, in der neue Materialen eingesetzt, Prozesse verändert und Energieträger ausgetauscht werden. Nachhaltigkeit ist dementsprechend ein Treiber von Innovationen.
Mit dem Netzwerk biobasierte Werkstoffe, setzen wir zudem einen Fokus für Unternehmen, die die Potentiale nachwachsender Rohstoffe und Werkstoffe in ihrer Produktion heben möchten. Interessierte Unternehmen in OWL können sich gern dem Netzwerk anschließen.
Andersherum setzt die pro Wirtschaft GT das Projekt Green.OWL im Kreis Gütersloh um und stellt für hier ansässige Unternehmen eine Verbindung zu Expertenwissen – insbesondere den Hochschulen in OWL und anderen Beratungsorganisationen wie der Effizienzagentur, dem Fraunhofer Institut oder Brancheninitiativen – um hier nur einige zu nennen – her.

Können Sie ein konkretes Unternehmensprojekt aus dem Kreis anführen, das beispielhaft für eine erfolgreiche Umsetzung steht?
Jonas Keldenich: Jedes Gastgeberunternehmen unserer Praxisreihe Nachhaltig.wirtschaften ist ein gutes Beispiel für die Umsetzung von Nachhaltigkeit in Unternehmen. Besonders beeindruckend war für mich, wie das Gütersloher Unternehmen Maas Natur GmbH Gemeinwohlorientierung umsetzt. Der Hersteller von nachhaltiger Mode ist gemeinwohlzertifiziert und es ist der Geschäftsführung eindrucksvoll gelungen, die Philosophie der Gemeinwohlorientierung in die Unternehmenskultur zu verankern.
Auch bei der Kartoffelmanufaktur Pahmeyer aus Werther (Westf.) ist nachhaltiges Wirtschaften Teil der Unternehmens-DNA. Die Produktverpackungen wurden vollständig auf recyclingfähige Materialien umgestellt. Zudem hat das Unternehmen eine PV-Anlage, eine Biogasanlage und bezieht zertifizierten Ökostrom.
Die Pfleiderer Group hat – als weiteres Beispiel – in den vergangenen Jahren ihren Recyclingholzanteil konsequent erhöht, die CO2-Emissionen ebenso konsequent reduziert, und zudem ein Produkt aus 100 Prozent recyceltem Holz sowie 100 Prozent biogenem Leim entwickelt.
Es gibt viele Unternehmen, die aktiv an der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen arbeiten. Wir von der pro Wirtschaft GT freuen uns über diese Entwicklung, die hilft, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft im Kreis Gütersloh zu sichern.

Ein Blick in die Zukunft: Was sind Ihre Ziele in den nächsten fünf Jahren, um die Themen Transformation und Nachhaltigkeit voranzutreiben?
Nikola Weber:
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: dass notwendige Infrastrukturen wie Energienetze und Speicher schnell ausgebaut werden – und dass politische Leitplanken Nachhaltigkeit betriebswirtschaftlich verlässlich kalkulierbar machen. Nachhaltigkeit sollte nicht als Kostenfaktor, sondern als Chance zur Umsetzung von Innovationen gedacht werden.
Die großen Themen der nächsten Jahre werden Kreislaufwirtschaft, Energiemanagement, Treibhausgasreduktion und Digitalisierung sein. Gerade Digitalisierung ist ein echter Ermöglicher – sie schafft die Datentransparenz, die es braucht: innerbetrieblich, über Lieferketten hinweg, bis zum Kunden. Es geht darum, sich bei Material und Energie unabhängiger aufzustellen. Das bedeutet meist Elektrifizierung und Kreislauffähigkeit. Dafür gilt es, zu sensibilisieren, zu motivieren und zu befähigen.
Gleichzeitig müssen wir auf unseren eigenen Einflusskreis schauen. Was brauchen die Unternehmen unserer Wirtschaftsregion für die Umsetzung der Transformation? Da hilft der enge Draht in die Unternehmen und zu den Experten in der Region: Unsere Rolle als pro Wirtschaft GT ist es, Unternehmen und Experten zusammen zu bringen. Mit guten Praxisbeispielen möchten wir zeigen, wie die Umsetzung von nachhaltigem Wirtschaften konkret gelingen kann. In dem Sinne werden wir auch zukünftig konkrete Anpackhilfen anbieten – Workshops, kollegiales Coaching, Sprechstunden. Es gilt, das Programm bedarfsgerecht zuzuschneiden und so zu gestalten, dass es Fortgeschrittene weiter fordert und Einstiegsmöglichkeiten und Ansatzpunkte für Unternehmen beinhaltet, die noch am Anfang stehen. Dranbleiben, Schritt für Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen Wirtschaft im Kreis Gütersloh.

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