Als ich noch Student war, gab es in meinem Wirtschaftsstudium den Kurs „Ökologische Ökonomie” – ein absolutes Novum damals, unter dem sich kaum jemand etwas vorstellen konnte. Heute ist das anders: Nachhaltigkeit erscheint immer mehr als ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die ökologische und soziale Verantwortung nicht in ihr Kerngeschäft integrieren, riskieren mittelfristig ihre Marktposition. Die gute Nachricht: Nachhaltigkeit ist längst kein Widerspruch mehr zu wirtschaftlichem Erfolg – im Gegenteil.
Twin-Transformation entscheidet über Zukunftsfähigkeit
Was solchen Entwicklungen zugrunde liegt, ist ein neues Verständnis von Unternehmertum. Startups denken Geschäftsmodelle von Grund auf neu – nicht trotz, sondern wegen der Nachhaltigkeitsanforderungen. Sie sehen ökologische und soziale Herausforderungen nicht als Risiko, sondern als unternehmerische Chance.
Genau hier liegt auch die Aufgabe etablierter Unternehmen: nicht nur zu reagieren auf Anforderungen oder Impulse von außen, sondern proaktiv und vorausschauend zu agieren. Meine Meinung, wie das gelingen kann, wird nicht überraschen: Wer mit Startups kooperiert, in Innovation investiert und Nachhaltigkeit strategisch verankert, kann sich entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern.
Die Zukunft gehört Unternehmen, die zwei Transformationen gleichzeitig denken: die digitale und die nachhaltige. Diese sogenannte Twin Transformation entscheidet darüber, ob Geschäftsmodelle zukunftsfähig sind. Digitalisierung schafft Transparenz, Effizienz und Skalierbarkeit – Nachhaltigkeit sorgt für Resilienz, Akzeptanz und langfristige Wertschöpfung.
Wir haben in Deutschland einige herausragende Startups, die bereits zeigen, wie diese Verbindung funktioniert: Unternehmen wie 1Komma5° oder Enpal kombinieren digitale Plattformmodelle mit erneuerbaren Energielösungen und verändern so ganze Märkte von Grund auf. Sie denken Energieversorgung neu – dezentral, datengetrieben und kundenzentriert. Das ist kein Nischentrend mehr, sondern die Blaupause für die Wirtschaft von morgen.
Wenn „im Kreis denken” zum Geschäftsmodell wird
Ein weiterer zentraler Hebel ist die Circular Economy.Statt Produkte nach dem Prinzip „Produzieren – Nutzen – Wegwerfen“ zu denken, geht es darum, Materialien und Ressourcen möglichst lange im Kreislauf zu halten. Ein besonders anschauliches Beispiel liefert eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung: Sie identifiziert in Deutschland bereits 274 Startups im Bereich der Circular Economy, von denen 39 Prozentgleichzeitigökologische und soziale Ziele verfolgen – etwa durch Reparaturservices, Rücknahmesysteme oder neue Nutzungsmodelle statt Besitz.
Auch in der Founders Foundation unterstützen wir solche Geschäftsmodelle. Unser Alumni-Startup Circuly ermöglicht es beispielsweise Konsumermarken, ihre Produkte als Service anzubieten und so Produktlebenszyklen zu verlängern – ohne auf die Wertschöpfung zu verzichten. Das Startup Recyklicks digitalisiert die Recycling-Branche direkt von innen heraus, indem es für Wertstoffhändler und Recyclinghöfe eine B2B-Plattform entwickelt hat, auf der Sekundärrohstoffe transparent und schnell verkauft werden können. Einsatzzeiten verringern sich, Wertschöpfung pro Tonne und Planbarkeit steigen. Diese Beispiele zeigen: Zirkularität ist kein Verzichtsmodell – sie ist ein Innovationsmodell und kommt oft von jungen Unternehmen. Auch das Startup Voltfang, der Gewinner des NRW Startup-Wettbewerbs Out of the Box, zeigt, wie Batteriespeicher aus Second-Life-Autobatterien neue Wege in der Energiespeicherung eröffnen. Solche Ansätze verbinden Nachhaltigkeit mit wirtschaftlicher Effizienz – und machen Unternehmen unabhängiger von volatilen Energiemärkten.
Auch hier wird klar: So eine funktionierende Kreislaufwirtschaft ist ohne Digitalisierung kaum denkbar. Nur durch Daten lassen sich Materialien nachverfolgen, Nutzungszyklen optimieren und Rückführungsprozesse effizient gestalten. Digitale Plattformen verbinden Produzenten, Nutzer und Recycler in Echtzeit.
Ein Entweder-oder wäre die Sackgasse
Wer also heute in Nachhaltigkeit investiert, muss immer auch in digitale Infrastruktur investieren. Unternehmen, bei denen diese Transformationen Hand in Hand gehen, schaffen nicht nur ökologische Mehrwerte, sondern auch operative Effizienz und neue Erlösmodelle.
Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend, sondern beschreibt einen breiten, strukturellen Wandel unserer Wirtschaft. Oder anders gesagt: Die erfolgreichsten Unternehmen der Zukunft werden nicht die sein, die Nachhaltigkeit „auch noch mitdenken“ – sondern die, die sie im Kern ihres Geschäftsmodells verankern.













