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Stagewise: Bielefelder Senkrechtstarter entwickeln echten Moonshot

Nur wenigen gelingt die Teilnahme am renommierten Gründerprogramm Y Combinator im Silicon Valley. Jetzt haben erstmals zwei Gründer aus der Region mit ihrem Startup stagewise den Accelerator durchlaufen. Warum die beiden Pioniere Glenn Töws und Julian Götze so erfolgreich sind und was sie auszeichnet.

Glenn Töws ist noch immer begeistert und kann es kaum glauben, wenn er auf das vergangene Jahr zurückblickt. „Es ist das Beste, was wir bisher in unserem Leben erfahren haben“, schwärmt der Gründer des Startups stagewise, der zusammen mit seinem Mitgründer Julian Götze (24) tatsächlich etwas Außergewöhnliches erlebt hat. Im Sommer letzten Jahres reisten die jungen Männer für drei Monate nach San Francisco, um am Y Combinator, einem der begehrtesten Gründerprogramme weltweit, teilzunehmen.

Wer es in diese Welt schafft, der ist Teil einer besonderen Community und der hat das Zeug, mit seiner Geschäftsidee den Markt zu revolutionieren. Das zeigen einige bekannte Unternehmen wie Airbnb, das die Art und Weise verändert hat, wie wir reisen und Unterkünfte finden. Oder aber Dropbox, das Dateispeicherung und Zusammenarbeit revolutioniert hat.

Glenn Töws (rechts) und Julian Götze, Gründer des Startups stagewise, haben im vergangenen Jahr am renommierten Gründerprogramm Y Combinator im Silicon Valley teilgenommen.

Der Ausflug der beiden Bielefelder ins Silicon Valley hat Spuren hinterlassen und wirkt bis heute nach. Denn hier hat ihre Geschäftsidee nicht nur einen enormen Schub bekommen. Vielmehr kamen die Gründer in den Genuss weiterer Benefits, wie einer nicht unbeträchtlichen Finanzspritze von 500.000 Dollar, dem Zugang zu einem der größten Gründer- und Investorennetzwerke der USA, einem Vertrauensvorschuss und unzähligen geldwerten Boni, zum Beispiel beim Kauf von Rechnerleistung.

Doch was macht stagewise so besonders und was haben die beiden Programmierer in der Bielefelder Gründerschmiede Founders Foundation erschaffen, das nicht nur in der regionalen Startup-Szene, sondern auch über den großen Teich für Aufsehen sorgte?

Was auf den ersten Blick vielleicht erst einmal wenig spektakulär klingt, gilt in der Branche als zukunftsweisend. Es geht nämlich um nichts weniger als die Erschaffung eines Open-Source-Coding-Agenten, der die Frontend-Entwicklung im Browser revolutioniert und damit Webprojekte innerhalb kürzester Zeit umsetzbar macht.

Anwender können mit dem KI-Agenten ohne eigene Coding-Skills in kürzester Zeit Webanwendungen oder Tools erstellen. „Uns ist es gelungen, eine Brücke zwischen Browser und Entwicklungsumgebung zu bauen. Bisher waren beide voneinander getrennt. Bei Änderungen auf der Webseite musste man in den entsprechenden Code gehen und dort die Dateien mühsam suchen. Das ist aufwendig und kostet Zeit. Jetzt reicht ein einfaches Anklicken dessen, was man verändern möchte. Unser KI-Agent generiert im Hintergrund den Code für das Frontend“, beschreibt Glenn Töws. Ursprünglich hatten die Programmierer das Tool für den eigenen Gebrauch entwickelt, um ihre Arbeit zu beschleunigen. Nachdem sie das Tool online gestellt hatten, um es der Community zum Testen zur Verfügung zu stellen, sei es innerhalb kürzester Zeit viral gegangen. „Es gab Videos aus den USA, China, Indien, Südkorea, Japan und Deutschland. Das war unglaublich“, freut sich Töws über die große Resonanz.

Ihren Aufenthalt im Startup-Mekka haben die „Überflieger“ dem Team der Founders Foundation zu verdanken, das die beiden motivierte, sich für die Teilnahme am Y Communicator zu bewerben. Während Julian Götze bereits Gründungserfahrung hat und im Founders Home gut vernetzt ist, hat Glenn Töws im letzten Jahr Neuland betreten. Der 26-Jährige, der aus Rheda-Wiedenbrück kommt und im Alter von acht Jahren aus Langeweile und eigener Motivation im Kinderzimmer seine ersten Codingerfahrungen sammelte, hat bereits einige Jahre Berufserfahrung hinter sich. Mit 17 Jahren begann er ein dreijähriges duales Studium bei Rheinmetall, nachdem er sein Abitur ein Jahr früher gemacht und eine Klasse übersprungen hatte. Beim Rüstungsunternehmen kümmerte er sich im Softwarebereich um funktionale Sicherheit und damit auch um Codequalität. Später ging er zu Miele und war dort für das Bauen von Entwicklertools zuständig. „In den fünf Jahren in Gütersloh habe ich viel Verantwortung übernehmen dürfen. Diese Zeit war wichtig für mich. Ich habe jedoch gemerkt, dass ich meine Ambitionen als Angestellter hier nur in einem gewissen Umfang umsetzen konnte. Der Wunsch, selbst zu gründen, wurde immer größer“, erzählt Töws, der in der Gründerschmiede Founders Foundation die notwendigen Skills erwarb und dort auch seinen Mitgründer Julian Götze kennenlernte. In Bayern geboren und in Paderborn aufgewachsen, hat Götze in Köln Informatik studiert und jede Menge Auszeichnungen während des Studiums erhalten. Das Coden hat er sich selbst beigebracht. Als Founding Engineer und einer der ersten Mitarbeiter beim Startup saasmetrix hat er das Gründerteam begleitet und  wertvolle Erfahrungen gesammelt, die er nun bei stagewise einsetzen kann.

Dabei waren die Voraussetzungen zur Teilnahme am renommierten Accelerator-Programm nicht gerade ideal, denn der Bewerbungstermin war bereits abgelaufen, als die Programmierer von ihrer Chance erfuhren. Hochmotiviert absolvierten die Bielefelder Senkrechtstarter verschiedene Online-Interviews und erhielten zwei Wochen vor dem Programmstart überraschend die Zusage. „Das war völlig absurd. Wir mussten uns in kürzester Zeit um unsere Reisepässe kümmern, einen Flug buchen und eine Unterkunft finden“, erzählt Glenn Töws, der zudem noch seine Eltern beruhigen musste, die aufgrund der mit dem Aufenthalt einhergehenden hohen Investitionen in das Startup ihres Sohnes Sorge hatten, da gehe vielleicht nicht alles mit rechten Dingen vor sich.  

Auch jetzt, ein halbes Jahr später, wissen die beiden ihre große Chance zu schätzen: „Es war ein großes Privileg, dass wir am Y Combinator teilnehmen durften. Insbesondere wenn man bedenkt, dass nur etwa ein bis zwei Prozent der Interessenten dies tatsächlich schaffen.“ Und sie sind überzeugt, dass der Aufenthalt und die Kontakte ihre Produktentwicklung enorm beschleunigt haben.


Baue ein Produkt, das deine Kunden lieben, dann gelingt alles andere von allein.


Direkte Mitbewerber haben die stagewise-Gründer bisher nicht. Zwar gebe es Anbieter, die eine Lösung für die Verbindung zwischen Browser und Entwicklungsumgebung bereitstellen. Doch bei der Integration des Browsers haben die Bielefelder die Nase vorn. „Die Art und Weise, wie wir vorgehen, ist einmalig. Das ist etwas komplett Neues, also ein echter Moonshot. Wir können den Markt verändern und mitgestalten. Das ist uns sehr wichtig“, so Glenn Töws und Julian Götze. Dieser Vorsprung reizt sie umso mehr, nun den nächsten Schritt zu gehen – ihr Produkt weiter zu verbessern und das innerhalb von wenigen Wochen und keinesfalls von Monaten oder gar Jahren. „In San Francisco geht es um absolute Schnelligkeit. Der Markt bewegt sich rasant. Wir setzen alles daran, auf diesem Level mitzuspielen und mit unserem Produkt ein rapides Wachstum zu erzielen“, sagt Töws und legt die selbst gesetzte Messlatte hoch an – mit einem passenden Produkt seien Jahresumsätze in Millionenhöhe innerhalb von Wochen erreichbar.

Dafür arbeiten die zwei hart, sechs Tage in der Woche von morgen sechs bis abends 19 Uhr, bei Bedarf auch länger. Das ist für sie in Ordnung, weil sie lieben, was sie tun. „Wir sehen unser Startup als Challenge und haben unfassbar viel Spaß. Es motiviert uns, mit gutem Gewissen sagen zu können, dass wir etwas völlig Neues geschaffen haben, was es vorher noch nicht gab. Zudem macht es uns stolz, dass wir im weltweiten Vergleich innovativ waren und dabei an unserem hohen Qualitätsanspruch festhalten konnten. Wir können für uns beanspruchen, unser Bestes gegeben zu haben. Das ist für uns ein riesiger Motivationstreiber.“

Finanziell steht das Startup auf soliden Füßen. Die Teilnahme am Y-Combinator hat den Bielefeldern eine gute Liquidität verschafft. Die am Ende des Accelerator-Programms zusätzlich durchgeführte Finanzierungsrunde machte interessante Investoren auf stagewise aufmerksam. „Wir sind gut aufgestellt, um unsere nächsten Ziele realistisch zu erreichen“, so Glenn Töws.

Über einen klassischen Vertrieb verfügen die zwei Gründer bisher nicht. Mit Online-Posts in typischen Entwickler- und Startup-Communities begeistern sie für ihr Produkt. Das klappt gut. „Wir setzen auf einzelne Entwickler, die genau wie wir von unserem Tool begeistert sind, weil es einen hohen Nutzen hat. Baue ein Produkt, das deine Kunden lieben, dann gelingt alles andere von allein – das ist unsere Leitidee“, so Entwickler Götze.

Künftig wollen die Gründer auch größere Unternehmen adressieren. Erste Anfragen gab es bereits während ihres Aufenthalts in San Francisco. „Wir haben erst einmal abgelehnt, weil wir unser Produkt noch weiter verbessern möchten“, erklärt Töws.

Der Aufenthalt im Silicon Valley war keine einmalige Angelegenheit. Zwischendurch war Julian Götze schon wieder vor Ort, um Kontakte mit der Community zu pflegen, sich mit Talenten aus aller Welt auszutauschen und sich von der wahnsinnig rasanten Schnelligkeit im dortigen Startup-Ökosystem inspirieren zu lassen. „Das Mindset ist hier völlig anders, es beflügelt uns ungemein“, schwärmt Julian Götze. Die hier zu beobachtende Positivität und die Suche nach Chancen beeindrucken den jungen Gründer immer wieder. Natürlich gebe es auch hier Probleme, die als Chance gesehen würden und für die man nach Lösungen suche. „Das ist in Deutschland anders. Hier wird genau geplant und überlegt, um ja nicht ein zu hohes Risiko einzugehen. Ich bin beeindruckt, mit wie viel Leichtigkeit Gründer in den USA agieren“, so Götze. Das liegt zum Teil auch am amerikanischen Startup-Ökosystem, das weit mehr Unterstützung für junge Gründende bietet. Während in Deutschland Startups sich mit ihrer Geschäftsidee erst einmal beweisen müssen, um Investoren zu überzeugen, ist der Vertrauensvorschuss in den USA bereits am Anfang groß.

In wenigen Tagen steigt Glenn Töws wieder in den Flieger nach San Francisco – zwei Wochen lang wird er hier bleiben, Gespräche mit potenziellen Investoren und Partnern führen und verschiedene Events besuchen. „Wir wollen mit unserem Produkt den Markt verändern. Wir haben den Mut, die Power und auch eine gewisse Verrücktheit, es zu tun. Das haben wir auch unserer Teilnahme am Y Combinator zu verdanken.“

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