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KOLUMNE: Tristan Niewöhner

German Angst vs. Gründergeist

Warum wir uns beim Starten selbst im Weg stehen

Deutschland ist gründlich, fleißig – und sehr gut darin, Risiken zu vermeiden. Wir versichern fast alles, was sich versichern lässt. Wer hier sagt: „Ich gründe ein Unternehmen“, bekommt oft zuerst die Frage serviert: „Und was ist, wenn es schiefgeht?“ In anderen Ländern wird eher gefragt: „Was kann daraus werden?“
Durch meine Arbeit mit Gründerinnen und Gründern sehe ich diese „German Angst“ regelmäßig. Da sitzen Menschen mit guten Ideen und relevanter Erfahrung, die genau wissen, welches Problem sie lösen könnten. Und trotzdem zögern sie – wegen Kredit, Familie, Lebenslauf. Das ist nachvollziehbar, führt aber dazu, dass viele Gründungen gar nicht erst starten.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Die deutsche Sicherheitsliebe hat auch klare Stärken: Wir planen sauber, Produkte sind ausgereift, Geschäftsmodelle selten komplett abgehoben. Viele Mittelständler und Hidden Champions wären ohne diesen Qualitätsanspruch nicht da, wo sie heute sind. Das Problem ist weniger das Sicherheitsdenken an sich, sondern sein Einsatzort.

Am Anfang eines Unternehmens wäre Mut zum Unfertigen gefragt: Hypothesen testen, Kunden sprechen, Prototypen bauen. Stattdessen wollen viele direkt das perfekte Produkt mit perfektem Businessplan. Später, wenn Strukturen und Teams gewachsen sind, wäre mehr Risikobewusstsein nötig – dann wird dagegen oft zu lange an etwas festgehalten, obwohl Zahlen und Marktfeedback klar dagegen sprechen.

Ein schönes Beispiel ist der „sichere Job“. Viele, die mit dem Gedanken spielen, zu gründen, klammern sich daran. Blickt man auf die letzten Jahre, sieht man: Branchen verändern sich rasant, Geschäftsmodelle brechen weg, ganze Märkte drehen sich. Angestellt zu sein, ist nicht automatisch sicher, es fühlt sich nur so an.
Auf der anderen Seite gibt es Gründerinnen und Gründer, die einen anderen Umgang mit Unsicherheit gelernt haben. Sie akzeptieren, dass sie nie alle Informationen haben werden. Sie wissen, dass Rückschläge dazugehören. Und sie bauen sich bewusst ein Umfeld aus Mentorinnen, anderen Gründern und Unterstützern auf. Unsicherheit verschwindet dadurch nicht – aber sie wird handelbar.

Entscheidend ist auch unsere Fehlerkultur. Solange eine gescheiterte Gründung als persönliches Scheitern gilt, bleibt das Risiko hoch emotional. Die Angst vor den Reaktionen von Familie, Freunden oder zukünftigen Arbeitgebern wiegt dann oft schwerer als die Angst vor dem finanziellen Verlust. Hier können wir ansetzen: mit einer Sichtweise, die Lernen in den Vordergrund stellt, nicht Schuld.

Gründen heißt nicht, unvernünftig zu werden. Es heißt, bewusste Risiken einzugehen und sie aktiv zu managen, statt an die Illusion vollständiger Sicherheit zu glauben. Wer klein anfängt, nebenberuflich testet, erste Kunden gewinnt und sich ein Netzwerk aufbaut, merkt schnell: Das Risiko bleibt, aber der eigene Umgang damit wird routinierter.

German Angst und Gründergeist schließen sich nicht aus. Wenn wir unsere Gründlichkeit mit mehr Mut zum Machen verbinden, entstehen Unternehmen, die nicht nur schnell starten, sondern auch bleiben. Die beste Zeit, damit anzufangen, ist nicht „irgendwann, wenn alles sicher ist“. Sie ist – wie so oft beim Gründen – jetzt.

Die richtige Zeit ist jetzt – Start up now! Bis zum nächsten Mal.

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