Kleine und mittelständische Unternehmen können bei der Entwicklung neuer Ideen oder Geschäftsmodelle von wissenschaftlicher Expertise profitieren. Doch wie findet man die richtigen Kontakte? Wie der ThinkTank OWL bei Kooperationen helfen kann.
Andreas Nettingsmeier ist zufrieden. Der stellvertretende Regionalgeschäftsführer Ostwestfalen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof ist verantwortlich dafür, in den beruflichen Werkstätten eine Automatisierung der Berufsbildungsplanung umzusetzen. Bisher erstellt jeder pädagogische Mitarbeiter einen Bildungsplan für jeden einzelnen Teilnehmer. Das kostet Zeit und führt zu qualitativ unterschiedlichen Ergebnissen. „Da wir über zahlreiche Qualifizierungsbausteine verfügen und eine Methodik einsetzen, die an vielen Stellen standardisiert ist, haben wir uns gefragt, ob sich nicht mit Hilfe künstlicher Intelligenz Vorschläge für eine Bildungsplanung erstellen lassen, um das Fachpersonal zu entlasten“, so Nettingsmeier. Er wandte sich direkt an die Hochschule Bielefeld, weil das Vorhaben nur mit professioneller Unterstützung umsetzbar schien. Außerdem gab es bereits Kontakte zu den Lehrstühlen Wirtschaftsinformatik sowie Gesundheit und Pflege aus vergangenen Projekten. Die ersten Abschnitte des in vier Modulen angelegten Projekts sind schon abgeschlossen. Entstanden ist ein Prototyp, der auf der Basis der Kompetenzen und der Wünsche eines Menschen einen Bildungsplan gemäß einer Vorlage vorschlägt. Dazu wurde ein KI-System entwickelt, das nach den Eingaben eines Mitarbeiters den Vorschlag für eine Berufsbildungsplanung ausgibt. In der Praxis werden die Gesprächsergebnisse jedes Menschen sowie dessen Kompetenzprofil auf einer Webseite zur Berufsbildungsplanung erfasst. Die Informationen übernimmt der KI-Planer, der sich eines externen Sprachmodells bedient. Zudem greift der KI-Planer auf die neu aufgebaute Datenbank mit Informationen aus vielen Bildungsplänen zurück, die im Vorfeld aufbereitet und analysiert wurden.
Aktuell steht die Implementierung des Systems an. Im April findet ein Feldversuch statt, bei dem gemeinsam mit pädagogischen Mitarbeitern die praktische Umsetzung erfolgen und eventueller Verbesserungsbedarf festgestellt werden soll. Ab Sommer ist die Anwendung des neuen Systems geplant. Das ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie die Wissenschaft bei der Umsetzung konkreter Vorhaben in der Praxis unterstützen kann. Obwohl hier der direkte Kontakt zur Hochschule gesucht wurde, läuft die Anbahnung von Kontakten oft über den ThinkTank OWL, der in den letzten Jahren zahlreichen Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft auf die Sprünge geholfen hat.
Die meisten Unternehmen treten eigenmotiviert an uns heran, weil sie bemerkt haben, dass bestimmte Produktionsschritte oder Verfahrensweisen sich als nicht mehr zeitgemäß erweisen.
Diese Denkfabrik, vor fünf Jahren unter dem Dach des Bielefeld Research Innovation Campus (BRIC) von der Universität und der Hochschule Bielefeld (HSBI) und der Wirtschaftsförderung der Stadt Bielefeld WEGE gegründet, ist so etwas wie eine geistig mobile Einheit, die Transferkooperationen mit dem Mittelstand ermöglichen soll. Auf dem Bielefelder Campus arbeitet ein kleines Team mit sechs Köpfen, das in Kontakt zu mehr als 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der beiden Hochschulen stehen. Klaus-Peter Jansen ist einer von ihnen. Vor vier Jahren wechselte er zum ThinkTank OWL auf seinen „Heimatcampus“, wie er erzählt. Die Motivation für diesen Schritt war groß, weil er hier ein Thema gefunden hatte, das ihn schon sein ganzes Berufsleben begleitet: Kooperationen zwischen Wissenschaft und Unternehmen anzubahnen und zu gestalten. Er ist begeistert, weil er und seine Kolleginnen hier große Gestaltungsfreiheit haben und Transfer leben können. Jansen, der zuvor bei der Ostwestfalen Lippe GmbH und beim Spitzencluster it’s OWL tätig war, verfügt über ein großes Netzwerk und wertvollen Erfahrungsschatz.
„Die meisten Unternehmen treten eigenmotiviert an uns heran, weil sie bemerkt haben, dass bestimmte Produktionsschritte oder Verfahrensweisen sich als nicht mehr zeitgemäß erweisen, weil beispielsweise Energiekosten gestiegen sind oder Fachkräfte fehlen. „Die häufigsten Anfragen beinhalten Automatisierungswünsche, um Lösungen für fehlendes qualifiziertes Potenzial zu finden“, weiß Klaus-Peter Jansen, den sehr heterogene Problemstellungen erreichen. Es gebe mittlerweile kaum noch Anfragen, in denen nicht eine digitale Technologie involviert ist.
Auch kommen Betriebe auf sie zu, die angesichts globaler Mitbewerber ihr Geschäftsmodell in Gefahr sehen und angesichts der rasanten Dynamik auf den Märkten Probleme haben, ihre eigenen Prozesse schnell anzupassen. „Hier sind es oft Themen, die im Bereich der Materialforschung liegen. Es geht um Fragen, wie zum Beispiel, mit welchen Materialien sich Produkte künftig herstellen lassen“, so Jansen. Der Informationsbedarf rund um Künstliche Intelligenz und deren Anwendung sei ebenfalls groß. Hier zeige sich, dass alles, was viele mit KI-Technologie assoziieren, sich mit einem immer schnelleren Tempo von der Aufnahmefähigkeit des Durchschnittsunternehmens entfernt. „Und so werden manchmal Fragestellungen aufgeworfen, die deutlich machen, dass nicht allen klar ist, um was es konkret geht“, sagt der Netzwerker.
Oft ist Innovationsmanager Jansen auch unterwegs, besucht Unternehmen, hat ein offenes Ohr für deren Herausforderungen und das über alle Branchen hinweg. Und so kommt es schon vor, dass er sich morgens in einem Unternehmen mit einen Problem an der Spritzgussmaschine konfrontiert sieht, nachmittags in einem Handwerksbetrieb ist und sich am Abend die aktuellen Themen eines Softwareunternehmens anhört. Sein großer Erfahrungsschatz und seine Fähigkeit, immer wieder interessierte Fragen zu stellen, die wiederum zu qualifizierten Antworten führen, sind seine große Stärke. Als Kontaktkatalysator begibt er sich mit diesem Input auf die Suche nach einem geeigneten Forschenden an den beiden Hochschulen. Mit etwa 2.500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist das Potenzial groß, geeignete Expertise für das zu lösende Problem zu finden. Denn unter dem Dach der beiden Hochschulen konzentriert sich viel anwendbares Wissen. Mit Kompetenzen in den Bereichen Materialforschung, Biotechnologie, Künstliche Intelligenz, Data Science, Smart Services und Products sowie Gesundheit, Pflege und Medizin steht ein riesiges Reservoir an Know-how zur Verfügung. Zusätzlich sei die Transferaffinität beider Hochschulen in den letzten Jahren enorm gestiegen, aus eigener Motivation, aber auch aufgrund politischen Drucks, betont Jansen. „Es gibt Forschende, die besonders aktiv und die gerne bereit sind, Unternehmen bei der Modernisierung ihrer Geschäftsmodelle, Prozesse oder Abläufe zu unterstützen. Sie sind hoch motiviert, ihre Kompetenz in die Anwendung zu bringen.“
Die Nähe zur regionalen Wirtschaft ist dem ThinkTank wichtig. Regelmäßige Veranstaltungen sollen Hürden nehmen und helfen, den ThinkTank als ständige Anlaufstelle zu begreifen. Formate wie das Campus-Frühstück, die „Denkbar“, die durch die Region tourt und bestimmte Themen in den Fokus nimmt, verschiedene Makeathons oder das im letzten Jahr erstmals veranstaltete zweitägige Innovationsfestival, an dem 850 Unternehmensvertreterinnen und -vertreter teilgenommen haben, sind ideale Möglichkeiten, um die gesamte Breite der Themen auf dem Campus kennenzulernen und mit Forschenden in Kontakt zu treten. Eine Fortsetzung folgt im kommenden September. Dann steht die Materialforschung im Mittelpunkt.
„Mit unseren Formaten möchten wir den Unternehmen zeigen, dass Transfer nicht erst passiert, wenn man ein großes Projekt auf die Beine stellt, sondern dass dieser viel früher beginnt: wenn man zum Beispiel das erste Mal mit einem Forschenden über ein im Unternehmen existierendes Problem spricht, für das man eine Lösung sucht“, sagt Jansen, der sich gerne auch als Kontaktkatalysator bezeichnet. „Unternehmen können jederzeit an uns herantreten. Auch wenn wir nicht immer der Lösungsprovider sind, so können wir dank unseres großen formellen und informellen Netzwerks Kontakte zu anderen Partnern vermitteln.“
Gleichzeitig ist es auch Intention des ThinkTank OWL, das Gründungsgeschehen an den beiden Bielefelder Hochschulen bekannter zu machen. Studierende mit einer exzellenten Gründungsidee zu begleiten und das Netzwerk zu nutzen, um nach Möglichkeiten einer Kooperation mit Blick auf die Lösung eines Problems in einem Unternehmen zu suchen und so einen Anwendungspartner zu finden.
Im Rückblick auf die vergangenen Jahre sei die Nachfrage nach ihrem Angebot kontinuierlich gewachsen, erzählt der Netzwerker. Etwa zwei Jahre habe es gedauert, den Bekanntheitsgrad zu stärken und den Unternehmen in der Region die Marke ThinkTank OWL und die Idee dahinter zu vermitteln. Durch regelmäßige Kooperationen mit anderen Netzwerken verstetige die Denkfabrik ihre Präsenz und Wahrnehmung, berichtet Jansen.
Über die Vermittlungen in die Wissenschaft und was letztendlich daraus geworden ist, erfahren die Kontaktvermittler nur selten etwas. Was die Kooperation zwischen der Hochschule Bielefeld und der Diakonischen Stiftung Wittekindshof oder mit dem Unternehmen c-Trace angeht, gibt es Erfolg zu vermelden.





