Wie sieht das Innovationsmanagement im regionalen Mittelstand aus und welche technologischen Herausforderungen gilt es zu meistern? Wie die Innovationsstrategie des Intralogistik-Automatisierers Westfalia Technologies GmbH & Co. KG aussieht, beschreibt Andreas Gartemann, Geschäftsführender Gesellschafter des in Borgholzhausen ansässigen Unternehmens.
Die aktuelle konjunkturelle Situation stellt für viele Unternehmen eine Herausforderung dar: Ändern Sie vor diesem Hintergrund Ihre Innovationsstrategie? Bitte skizzieren Sie diese kurz.
Andreas Gartemann: Wir setzen auf nachhaltige Technologien und Kundenpartnerschaften für Lagersysteme, die sich seit Jahrzehnten bewähren. Innovation ist bei uns eng mit Sicherheit, Stabilität und Planbarkeit verknüpft. Wir reduzieren Stillstände in Lagern auf ein Minimum, sichern den Lagerbetrieb und Produktionen. Die hohe Verfügbarkeit unserer Systeme war von Anfang an eine unserer Stärken in Branchen, die auf den unterbrechungsfreien Hochleistungs-Lagerbetrieb angewiesen sind – beispielsweise bei der sicheren Versorgung mit Qualitätslebensmitteln. Zugleich binden wir aktuelle Technologien ein, auch über unsere Lagerkomponenten, Software und Steuerungen hinaus: In Zusammenarbeit mit der WORTMANN-Tochter Terra Robotics bieten wir künftig KI-gestützte Robotik für Lagersysteme an, beispielsweise autonome Roboter für die Lagerreinigung.
Innovationen sind eine wichtige Grundlage für die Wettbewerbsstärke eines Unternehmens. Wo liegen in Ihrer Branche aktuell die größten technologischen Herausforderungen, und mit welchen Lösungen reagieren Sie darauf?
Andreas Gartemann: Zum einen haben wir sehr kundenspezifische Herausforderungen. Ab August 2026 müssen Hersteller von Wellpappen und Verpackungen viele Anforderungen der neuen europäischen Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) erfüllen. Die Leerraumquote von maximal 50 Prozent bedeutet, dass Hersteller maßgeschneiderte On-Demand-Verpackungen anbieten müssen und zusätzliche Lagerkapazität für höhere Formatvielfalt auf gleichbleibender Grundfläche benötigen. Das ermöglichen unsere Lagersysteme. Sie liefern aber auch die nötige, digitalisierte Lagertransparenz, um Waren lückenlos nachzuverfolgen, deren Gewicht, Rezyklatanteil und chemische Zusammensetzung auf Abruf bereitzustellen. Nachverfolgbarkeit, Transparenz und nachhaltige Lieferketten sind mit automatischen Lagersystemen zuverlässig zu erreichen.
Zum anderen sind alle unsere Kunden von der neuen EU-Maschinenverordnung (MVO) betroffen, die ab 2027 in Kraft tritt. Wir haben dazu ein Spezialisten-Gremium gebildet, um bestens mit den Anforderungen vertraut zu sein und unsere Kunden sicher in die neue MVO zu führen. Dieses Team begleitet sie beispielsweise beim Thema Cybersecurity: Maschinen müssen so konstruiert sein, dass sie gegen externe Manipulationen geschützt sind. Westfalia ist auch bei der Datensicherheit optimal aufgestellt und bietet als Teil der WORTMANN-Gruppe mit der WORTMANN-eigenen Terra Cloud schnelle Back-up-Strategien, um kritische Daten zu schützen und wiederherzustellen.
Die MVO definiert erstmals auf EU-Ebene rechtsverbindlich, wann ein Umbau einer Gebrauchtmaschine eine „wesentliche Veränderung“ ist und ein neues Konformitätsbewertungsverfahren auslöst. Bei solchen Fragen haben wir durch unseren Fokus auf Lagererweiterungen, Umbauten und Modernisierungen enorme Erfahrungen gesammelt und können optimal bei der wirtschaftlichsten Lösung beraten.
Welche Rolle spielen Kooperationen mit Startups, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Kunden und Lieferanten bei der Entwicklung und Umsetzung von Innovationen?
Andreas Gartemann: Westfalia setzt von jeher auf ein bewährtes Netzwerk von Technologie-Lieferanten, um automatische Lagersysteme auf dem aktuellen Stand zu halten. Mit Firmeneingliederungen, sei es Steuerungsbau, Steuerungsprogrammierung oder Softwareentwicklung, und einer zukunftsorientierten Personalstrategie holen wir uns konsequent die nötige Expertise für die Realisierung von Gesamtsystemen ins Haus. Das ergänzen wir durch umfangreiche Modernisierungs- und Serviceleistungen. Als gut vernetzter Hersteller können wir zuverlässig Ersatzteile liefern und bei Bedarf Schlüsselkomponenten „on demand“ nachproduzieren. Wir arbeiten eng mit unseren Kunden als „Brancheninsider“ zusammen, um die optimalen spezifischen Lösungen zu entwickeln, wie das Lastaufnahmemittel Satellit® für mehrfachtiefe, hochkompakte Lagerung. Diese passen wir immer wieder auf neue Herausforderungen an, wie aktuell auf die Holzbranche, für die wir ein einzigartiges Inhouse-Satellitenlager realisiert haben.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Innovationshemmnisse bzw. was müsste sich verbessern?
Andreas Gartemann: Die Bürokratie und Regulierungsdichte setzen hohe Hürden. Für einige KMU ist der Dokumentationsaufwand der neuen MVO oder die Cybersecurity-Umsetzung schwer ohne externe Hilfe zu bewältigen. Der Fachkräftemangel ist nach wie vor akut, Ingenieure, Techniker oder IT-Spezialisten, um komplexe Automatisierungslösungen zu entwickeln und zu implementieren, sind stark gefragt. Die Energiekosten sind in Deutschland im Vergleich noch recht hoch, das verlängert den ROI für automatische Lagersysteme und schiebt viele Investitionen in die Warteschleife. Eine vereinfachte Förderlandschaft könnte eine Möglichkeit sein, neue Entwicklungen zu beschleunigen. Aktuelle Förderprogramme sind oft komplex, der Antragsprozess dauert manchmal länger als der eigentliche Technologie-Zyklus.





