Unternehmensnachfolge: Frühzeitig informieren und kommunizieren

Für Unternehmen gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Nachfolger oftmals als komplexer und langwieriger Prozess. Professor Dr. Frank Wallau, Dozent für Mittelstandspolitik und Unternehmensgründung/-nachfolge an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW), über die aktuelle Situation.

Zahlreiche Studien zeigen, dass Unternehmer sich relativ spät mit ihrer Nachfolge beschäftigen? Wo liegen die Gründe für dieses Verhalten?

Professor Dr. Frank Wallau: „Viele Unternehmer tun sich schwer, ihre Nachfolge frühzeitig zu gestalten.“  Foto: FHDW

Professor Dr. Frank Wallau: Es lassen sich verschiedene Motive anführen, die die Auseinandersetzung mit dieser Problematik erschweren. Aus psychologischer Sicht fällt es vielen Menschen eher schwer, sich mit dem Thema Übergabe und das damit einhergehende Ende der Berufstätigkeit und dem näher rückenden Lebensende zu beschäftigen. Solche Themen werden gerne verdrängt. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Tatsache, dass viele Unternehmer einfach nicht wissen, wie lange ein Übergabeprozess in der Praxis dauern kann. Zu glauben, so eine Aufgabe lasse sich in einem halben Jahr bewältigen, ist in den meisten Fällen ein Trugschluss. Realistisch sind eher drei bis fünf Jahre.

Zweidrittel belassen das Unternehmen in der Familie, so die Zahlen aus 2016. Zehn Prozent wurden verkauft. Wie sieht es heute aus?

Professor Dr. Frank Wallau: Die Zahlen haben sich in den vergangenen drei Jahren nicht grundlegend geändert. Wir beobachten jedoch die Tendenz, dass Unternehmer, die sich mit der Nachfolgeproblematik beschäftigen, zunächst eine große Offenheit für die verschiedensten Möglichkeiten der Unternehmensübergabe zeigen. Rückt der Zeitpunkt näher, dann favorisieren viele Entscheider die familieninterne Übergabe.

Es ist heute längst nicht mehr selbstverständlich, dass der Nachfolger aus der eigenen Familie kommt. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Professor Dr. Frank Wallau: Da ist zum einen sicherlich eine allgemein zu beobachtende Entwicklung als Ursache anzuführen. Es ist längst nicht selbstverständlich, dass der Unternehmer überhaupt eigene Kinder hat und die familieninterne Nachfolge somit gar nicht zum Tragen kommt. Allgemein entscheiden sich heute viele Menschen erst später für eine Familienplanung. Das gilt auch für Unternehmer. Es gibt Beispiele, wo der Unternehmer vor dem Eintritt in den Ruhestand steht und die Kinder gerade erst einmal 18 Jahre alt und damit zu jung für die Übernahme des Unternehmens sind. Viele Kinder studieren, sind oftmals sehr gut qualifiziert und haben beste Jobchancen und Verdienstmöglichkeiten. Da gilt das Unternehmen des Vaters nicht unbedingt als erste Wahl.
Auf der anderen Seite gibt es auch Situationen, dass der Nachwuchs sich nicht zutraut, die Verantwortung für ein Unternehmen zu tragen. Und manchmal kommt dann auch noch das nicht vorhandene technische Verständnis als Ablehnungsgrund hinzu. Die Fußstapfen des Vaters, der beispielsweise Ingenieur ist, sind ihm dann zu groß.

Die erfolgreiche Übergabe eines Unternehmens ist auch eine Frage der Attraktivität. Was lässt sich im Vorfeld tun, um ein für den Nachfolger interessantes und erfolgreiches Unternehmen anzubieten?

 Professor Frank Wallau: In Unternehmen, in denen in zwei oder drei Jahren eine Übergabe ansteht, herrscht oftmals ein Investitionsstau. Da wird zum Beispiel der Erwerb einer millionenteuren CNC-Maschine aufgeschoben, mit dem Argument, dass der Nachfolger diese zukunftsweisenden Investitionen übernehmen kann. Generell gilt jedoch, dass ein zur Übergabe stehendes Unternehmen wirtschaftlich so attraktiv sein sollte, dass der Nachfolger ein ausreichendes Einkommen zur Verfügung hat. Dazu ist es erforderlich, dass der Umsatz und die Kosten in einem guten Verhältnis stehen und die Produkte und Dienstleistungen selbstverständlich vom Markt nachgefragt werden. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die meisten vor der Übergabe stehenden Unternehmen eher klein sind und nur etwa vier Beschäftigte haben. Hier ist zu überlegen, ob eine Nachfolgeregelung überhaupt attraktiv sein kann. Es ist nicht verwerflich, einen Betrieb zu schließen.

Stichwort Digitalisierung: Gibt es Erkenntnisse, dass Unternehmen, die zum Beispiel in die Digitalisierung investiert haben, bessere Chancen haben, einen Nachfolger zu finden?

Professor Frank Wallau: Mir sind keine Zahlen bekannt, die das belegen. Der Begriff Digitalisierung wird heute sehr inflationär gebraucht. Oftmals mangelt es Unternehmern an der Vorstellung, wie die Digitalisierung ganz konkret für ihren Betrieb aussehen kann und damit auch an Ideen, welche Geschäftsmodelle entstehen können. Deshalb werden viele ältere Unternehmensverantwortlich diese Thematik gerne der jüngeren Generation überlassen. Trotz der aktuellen Dominanz darf man nicht vergessen, die Digitalisierung ist nicht für alle Betriebe interessant. 

Wenn Unternehmer ihren Betrieb übergeben, gehen auch Wissen und Know-how verloren? Wie bleibt es im Unternehmen erhalten?

Professor Dr. Frank Wallau: Ein Beispiel zeigt, wie Wissenstransfer in vielen kleineren Betrieben funktioniert: Als die Tochter, die die Fleischerei und den Partyservice von ihrem Vater übernehmen soll, fragt, wo denn die Rezepte seien, verwies der Vater auf seinen Kopf, denn schriftliche Aufzeichnungen gab es nicht. Vielmehr forderte er seine Nachfolgerin zum Selbermachen und Ausprobieren auf.

Davon abgesehen, das Aufzeichnungen auch unvollständig sein können, zeigt dieses Beispiel sehr gut, wie das Wissen von einem Kopf auf den anderen transportiert wird. Da darf dann auch mal die Wurst versalzen sein. Das ist wie beim Schwimmen lernen, um die Fähigkeit zu erlernen, muss man ins Wasser gehen.

Meistens sind Männer die Übergeber von Unternehmen. Gestalten Frauen ihre Nachfolge anders?

Professor Dr. Frank Wallau: Dass Frauen ihre Nachfolge anders planen als Männer, ist mir nicht bekannt. Ich gehe davon aus, dass es hier keinen signifikanten Unterschied gibt.
Wir wissen jedoch, dass der Anteil von Frauen, die ihr Unternehmen übergeben, zwischen 20 und 25 Prozent liegt. Wenn es um die familieninterne Übernahme geht, sind junge Frauen heute gegenüber ihren Brüdern gleichberechtigt. Es ist nicht mehr zwangsläufig der Sohn, der aufgrund des Geschlechts einen Anspruch auf die Nachfolge hat.

Neben der Suche nach einem geeigneten Nachfolger sind weitere Themen von Bedeutung. Vertragsgestaltung, Steuerrecht, Erbrecht und Unternehmensbewertung. Wo sollte zunächst der Fokus gesetzt werden?

Professor Dr. Frank Wallau: Bei jedem Übergabevorhaben sollte immer die Person, die das Unternehmen später führen soll, Priorität haben. Sind es die eigenen Kinder, so sind diese gefragt, ob sie bereit sind, in die Fußstapfen des Vaters oder der Mitter zu treten. Fällt die Entscheidung negativ aus, so ist zum Beispiel ein möglicher Verkauf in Erwägung zu ziehen. Kinder, die durchaus Interesse haben und beruflich noch nicht festgelegt sind, könnten ihre Ausbildung dann an der zukünftigen Nachfolge orientieren.
Erst wenn diese Thematik geklärt ist, sind die anderen Fakten, wie Vertrags- und Steuergestaltung zu betrachten. Auch hier ist eine zeitige Auseinandersetzung bzw. Klärung notwendig, weil bestimmte Fristen einzuhalten sind. In die vertraglichen Gestaltungsmöglichkeiten fließen zum Beispiel Überlegungen zu Vorkaufsrechten ein, die für das Vermeiden späterer Erbstreitigkeiten relevant sein können.
Eine Übergabe rein unter dem Aspekt der Steueroptimierung zu gestalten, halte ich für wenig zielführend.

Stichwort Altersvorsorge: Wie häufig sind Unternehmer gefordert auch nach Erreichen des Rentenalters weiterzuarbeiten, weil die wirtschaftliche Absicherung ihres Lebensunterhaltes nicht gegeben ist?

Professor Dr. Frank Wallau: Konkrete Zahlen, die dieses belegen, gibt es nicht. Bei den sogenannten Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmern kann es jedoch sein, dass diese im Alter über zu geringe Einkünfte verfügen, weil ihr Betrieb zu ihrer aktiven Zeit schon zu wenig erwirtschaftet hat und damit nichts für die Rente zurückgelegt wurde. Vor diesem Hintergrund hat es in der Vergangenheit schön öfter Diskussionen über eine mögliche Zwangs-Rentenversicherung gegeben.

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