„Städte und Regionen stehen vor der Aufgabe, ihren eigenen Umbruch aktiv zu gestalten“

Prof. Dr. Ingo Ballschmieter, wissenschaftlicher Leiter Open Innovation City, über die aktuellen Herausforderungen von Städten, Regionen und Unternehmen im Hinblick auf die rasanten Veränderungen und wie Potenziale gehoben werden können.     

 

m&w: Technologischer Wandel, die Wende zu regenerativen Energien, verändertes Konsumverhalten oder neue Mobilität… Unternehmen, Städte und Regionen stehen vor tiefgreifenden Veränderungen. Wie können wir hierauf reagieren?


Prof. Dr. Ingo Ballschmieter: „Eine Open Innovation City bezieht Ideen aus allen gesellschaftlichen Bereichen ein, um damit die bestmöglichen Lösungen zu finden.“

Dr. Ingo Ballschmieter: Absolut, Städte und Regionen stehen vor der Aufgabe, innovative Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit zu finden und ihren eigenen Umbruch aktiv zu gestalten. Diese Fähigkeit wird zum Standortfaktor für die Ansiedlung von Nachwuchs und Wirtschaft sowie für die Zufriedenheit von Bürgerinnen und Bürgern. Ein wichtiger erster Schritt besteht darin, dass Städte diese Herausforderungen eigenständig erkennen. Sie brauchen eine Art Screening-Prozess für kommende Entwicklungen, um sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen. Der nächste Schritt besteht darin, dass die Themen aktiv geführt werden, dass also eine Strategie und klare Maßnahmen formuliert und auch entschieden umgesetzt werden. Der vielleicht wichtigste Schritt aber ist, die Innovationskraft der gesamten Stadtgesellschaft zur Lösung einzubeziehen. Diese Entwicklungen prägen unser aller Zusammenleben, daher sollten auch möglichst viele verschiedene Sichtweisen und Kompetenzen einbezogen werden: Politik und Verwaltung, genauso aber auch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

m&w: Auf welche aktuelle(n) Herausforderung(en) müssten wir am dringlichsten Antworten finden? 

Dr. Ingo Ballschmieter: Es gibt Themen, die für die meisten Städte dringlich sind. Dazu gehören sicherlich die Umsetzung des Mobilitätswandels und die attraktive Gestaltung der Innenstädte. Wichtig ist zudem, dass die öffentliche Verwaltung in Sachen Digitalisierung Schritt hält mit der Wirtschaft und den Bürgerinnen und Bürgern, zum Beispiel durch das effiziente und digitale Management von behördlichen Leistungen. Besonders akut aber ist die Gestaltung der Smart Cities, also die Verbesserung städtischer Leistungen durch neue Technologien. Hier geht es darum, sowohl die technische Infrastruktur als auch die Datennutzung und Datenhoheit in den Kommunen zu halten. Hier läuft die Zeit. Wir brauchen sofort breitflächig mehr Aufmerksamkeit und Diskurs zu diesem Thema, damit wir in Deutschland und Europa diesen Prozess in unseren Händen behalten. Darüber hinaus sollte jede Stadt für sich prüfen, wo sie sich weiter entwickeln muss und wo sie Akzente setzen möchte. Das Trendbuch Innovation gibt eine Übersicht über die großen Trends.

m&w: Das bundesweit erste Projekt Open Innovation City basiert auf der Grundlage, die Vielfalt in der Gesellschaft bzw. verschiedener Akteure mit einzubeziehen. Wo sehen Sie die Vorteile dieser Herangehensweise?

Dr. Ingo Ballschmieter: Unternehmen haben sehr früh verstanden, dass sie sich öffnen müssen, um technologischen Wandel und Innovationsansprüche überhaupt meistern zu können. Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie die Wirtschaft, daher können hier ähnliche Strategien funktionieren. Es wird nicht mehr reichen, die großen Herausforderungen unserer Zeit in kleinen Zirkeln zu entscheiden. Eine Open Innovation City bezieht Ideen aus allen gesellschaftlichen Bereichen ein, um damit die bestmöglichen Lösungen zu finden. Sie fördert den kreativen und innovativen Geist ihrer Einwohner und sie vernetzt sich national und international mit Experten, um neues Wissen in die Stadt zu holen und neue Chancen zu ermöglichen. Damit wird der Standort attraktiver für Nachwuchskräfte, die Außenwahrnehmung verbessert sich und die Zukunftsfähigkeit steigt.

m&w: Wenn Sie auf Bielefeld und die Region schauen und dann einen internationalen Vergleich anstellen: Wie beurteilen Sie die Innovationsfähigkeit bei uns?

Dr. Ingo Ballschmieter: Bei uns funktionieren die einzelnen Bereiche der Stadtgesellschaft sehr gut: Wir haben eine starke mittelständische Wirtschaft, eine breite Hochschul- und Wissenschaftslandschaft und eine aktive Zivilgesellschaft. Unsere sprichwörtliche Zurückhaltung führt aber auch dazu, dass wir häufig gar nicht wissen, was in den anderen Bereichen passiert und mit wem wir uns sinnvoll vernetzen könnten. Kooperation wird damit zum Zufallsfaktor. Damit geht uns viel Potenzial verloren. Ein gutes Beispiel ist das Thema Smart City. Durch Open Innovation City hat sich erst herausgestellt, dass zahlreiche Kommunen, Unternehmen, Institute und Initiativen in der Region an unterschiedlichen Aspekten davon arbeiten. Nun treffen sie sich monatlich und arbeiten zusammen, es entsteht ein neuer Innovationsschwerpunkt. Zudem sieht man in den besonders innovativen Regionen dieser Welt, dass häufig bereits die Jugend altersgerecht an die Themen Unternehmertum und Innovation herangeführt wird. Damit werden innovatives Denken und der Wunsch, Dinge aktiv zum Positiven zu verändern, stark verankert. Im Projekt fördern wir dies etwa durch inspirierende Vorträge und die interaktive Innovationsplattform.

m&w: Für welche Herausforderungen haben wir schon Lösungsansätze entwickelt und wo ist noch mehr Handlungsbedarf vonnöten?

Dr. Ingo Ballschmieter: Generell ist zu beobachten: Sprunginnovationen wie das Backpulver, die Filtertüte oder das Bielefelder Modell im sozialen Bereich sind weniger erkennbar. Wir profitieren in erster Linie von einer erfolgreichen mittelständischen Wirtschaft, die sich auf hohem qualitativen Niveau zunehmend internationalisiert und digitalisiert, zum Beispiel im Maschinen- und Anlagenbau. Besonders schauen müssen wir in diesem Bereich auf die Anbieter in Schwellenländern, die Produkte entwickeln, die sehr stark auf lokale Anforderungen ausgerichtet und häufig im Leistungsumfang reduziert sind. Man spricht hier von Frugalität, das Konkurrenzpotenzial, aber auch die Chancen für uns sind hier enorm. Auch die Startup-Szene richtet sich vermehrt auf den Mittelstand aus und wird zum wichtigen Partner. Diese Kombination ist deutschlandweit sicherlich einmalig, und darin liegt auch eine unserer größten Chancen, die weiter gefördert werden muss. Betonen möchte ich hier auch den Gesundheitsbereich: Wir haben die Einrichtungen, die Infrastruktur und das Know-how, um das Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft in Deutschland, vielleicht Europa zu sein, daran sollten wir gemeinsam arbeiten. Noch stärker können wir werden, wenn uns allgemein der Wissenstransfer aus Forschung und Entwicklung in die Wirtschaft und die Gesellschaft besser gelingt, da läuft zu viel aneinander vorbei.

m&w: Ein wichtiges Ziel des Projektes ist es, das Innovationspotenzial von Stadt, Unternehmen und Institutionen dauerhaft zu steigern. Welche Vorteile ergeben sich hieraus besonders für die Unternehmen in der Region, auch vor dem Hintergrund des Fachkräftebedarfs?

Dr. Ingo Ballschmieter: Bielefeld und die Region sind durch das Interesse junger Unternehmer an neuen Entwicklungen im Tuchhandwerk zum führenden Handelsplatz für Textilien in Europa geworden. Junge Leute haben großes Interesse daran, innovativ zu sein und Dinge zu gestalten, das zeigt auch unsere Talentstudie. Das bezieht sich auf die Wirtschaft, aber auch auf Nachhaltigkeit und Umwelt oder soziale Themen. Sie suchen sich also ein Umfeld, das ihnen Lust auf Neues macht und in dem sie innovativ gestalten können. Unsere Studie hat allerdings auch ergeben, dass wir unser Potenzial in der Außendarstellung offenbar immer noch unter den Scheffel stellen. Das führt dazu, dass zu viele Nachwuchskräfte unsere Stadt verlassen. Wir sollten unser Standortprofil daher weiter schärfen und die Werbung für Bielefeld und die Region intensivieren. Dazu müssen alle Bereiche der Stadtgesellschaft signalisieren, dass wir ein zukunftsfähiger Standort sind und dass wir alles daran setzen, immer fortschrittlich und innovativ zu bleiben. Im Projekt fördern wir diese Ausrichtungen auf Innovationen durch offene Gestaltungsprozesse, in die Bürgerinnen und Bürger einbezogen werden, aber auch durch kulturprägende Maßnahmen wie zum Beispiel kostenlose Vorträge, Formate und Fortbildungen.

m&w: Open Innovation ist Ende 2019 gestartet: Wie sieht Ihr Fazit für das erste Jahr aus und was sind die nächsten Schritte?

Dr. Ingo Ballschmieter: Das Projekt ist von der Stadtgesellschaft hervorragend angenommen worden. Man kann mittlerweile klar sagen: Aus Open Innovation City ist eine Bewegung vieler geworden. Hunderte Personen, Unternehmen und Organisationen haben sich angeschlossen, haben an Veranstaltungen teilgenommen und entwickeln ihre Innovationsprojekte in der Gemeinschaft weiter. Genau davon lebt das Projekt und genau davon profitiert letzten Endes auch die Stadt Bielefeld. Durch die Pandemie konnten wir leider kaum Veranstaltungen in Präsenz machen, was gerade die Innovationskultur sicherlich noch weiter stärken würde. Aber derzeit sieht es so aus, als könnte auch das in der Projektlaufzeit noch gelingen. International haben wir bereits intensive Kontakte zu Tampere, Tel Aviv, Linz und Dublin aufgebaut, konkrete inhaltliche Formate werden dieses Jahr starten. Für die Wahrnehmung Bielefelds auf der Innovationslandkarte ist das sicherlich nicht verkehrt. In Kürze geht die digitale Plattform auf openinnovationcity.de online, mit der Bürgerinnen und Bürger ihre eigenen innovativen Challenges starten oder sich mit innovativen Ideen an anderen beteiligen können. Zudem bietet die Plattform die Möglichkeit, sich gezielt mit anderen Innovatoren auch außerhalb Bielefelds zu vernetzen. Wir werden zudem das internationale Austausch-Programm OIC.XP starten und planen ein großes Event für 2022 in Bielefeld. Mehr dazu bald.

Weitere Informationen zum Projekt: www.openinnovationcity.de

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