Nachhaltigkeit in der Logistik: „Die Branche ist besser als das Image“

Prof. Dr. rer. pol. Franz Vallée, Sprecher der Regionalgruppe Münster/Osnabrück bei der Bundesvereinigung Logistik e.V. und geschäftsführender Gesellschafter der VuP GmbH, Logistik- und IT-Beratung, über die Chancen von Nachhaltigkeit in der Logistik, aktuelle Herausforderungen und den Gestaltungswillen der Branche.

Prof. Dr. rer. pol. Franz Vallée, Fachhochschule Münster: „Wir müssen die entscheidenden Dinge tun und diese dann richtig – auch im Sinne der Nachhaltigkeit.“

m&w: Herr Professor Vallée, Logistik hatte bisher besonders in Hinblick auf ökologische Nachhaltigkeit kein gutes Image. Warum hat die Branche nicht frühzeitiger reagiert bzw. versucht gegenzusteuern?

 Prof. Dr. Franz Vallée: Bezogen aufs Image haben Sie recht. Jedoch stimmt das Image nicht immer mit dem, was tatsächlich bereits praktiziert wird, überein. Viele Unternehmen der Branche investieren längst in nachhaltige Maßnahmen wie zum Beispiel die CO2-Reduzierung. So werden durch Vermeidung von Leerfahrten, die Wahl des Verkehrsträgers und den Bau energieautarker Lagerstandorte gezielte Aktivitäten umgesetzt. Auch soziale Themen sind vor dem Hintergrund des massiven Mangels an Fach- und Führungskräften längst in der Logistik angekommen. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von positiven nachhaltigen Leuchtturmprojekten. Offensichtlich besteht in der Branche ein Nachholbedarf darin, die positiven Nachrichten durch gutes Marketing auch publik zu machen. Die Erkenntnis ist jedoch vorhanden und wird durch verschiedene Maßnahmen umgesetzt. Der Deutsche Logistikkongress vom 21. bis 23. Oktober in Berlin ist ein Beispiel und setzt mit seinem Motto „Nachhaltig gestalten – Winning the Next Decade“ ein Zeichen. Wir leben in einer veränderten Weltordnung, Wandel und Change-Management sowie Führung in einer VUCA-Welt (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) gehören zum Alltag. Die Logistik ist aufgefordert, sich für die nächste Dekade aufzustellen. Es gilt Trends und Fragestellungen unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten zu bearbeiten. Die Teilnehmer des Kongresses werden diverse Fragestellungen kompetent, alltagsnah und mit vielen Praxisbeispielen diskutieren und sich dem Ziel widmen, die Logistik nachhaltig zu gestalten. Logistik ist nicht wie in der Öffentlichkeit gerne diskutiert Kern des Problems, sondern Teil der Lösung.  Ich bin ganz sicher, dass viele Beteiligte in der Logistik die Herausforderungen und Chancen der Nachhaltigkeit nutzen und anpacken, wie es in der Logistik üblich ist: unaufgeregt, sachlich, kunden- und lösungsorientiert.

m&w: Ein effizienter Ressourceneinsatz war bereits vor der Nachhaltigkeitsdebatte ein wichtiger Punkt für den Wirtschaftsbereich Logistik. Wie umfassend wird die Thematik heute diskutiert?

Prof. Dr. Franz Vallée: Effizienz spielt neben Effektivität immer schon eine wichtige Rolle. Sie war und ist ein Kernziel in der Logistik. Das heißt: Wir müssen die entscheidenden Dinge tun und diese dann richtig – auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Die Corona Krise hat uns gezeigt, dass sich in kürzester Zeit in vielen Bereichen die Güterströme massiv verändern und beispielsweise Nachfrageplanung enorm schwierig wird. Umso mehr kommt es darauf an, jederzeit zu wissen, welche Waren sich wo, in welchem Zustand befinden und welche Einflussfaktoren es für die Nachfrage geben wird. Es gilt also Transparenz herzustellen und Daten, die heute oft isoliert verfügbar sind, nutzbar zu machen. Nur so kann zielführend gesteuert und flexibel reagiert werden. Aktuell gibt es viel Bewegung in der Logistik, um diese Transparenz und Flexibilität herzustellen, die für einen effizienten Ressourceneinsatz unabdingbar ist. So werden beispielsweise viele neue Unternehmen gegründet, um die Logistik weiter zu digitalisieren und Technologien wie KI und Robotik zu nutzen. Aber nicht nur die Gewinnung von Echtzeitdaten macht den Ressourceneinsatz effizienter, sondern auch das Umdenken außerhalb der Digitalisierung. UPS bietet beispielsweise Verpackungsmaterial aus Karton an, das mit einem zusätzlich beigelegten Klebestreifen den Verbraucher zum Wiederverwenden animieren soll. Hier spielen recyclebare Verpackungen und die Kreislaufwirtschaft eine tragende Rolle.

m&w: Gerade die Transportwirtschaft hat global betrachtet, einen sehr hohen Anteil an den Emissionen und ist somit ein Bereich, in dem man mit den richtigen Lösungen eine ganze Menge bewerkstelligen kann.

Prof. Dr. Franz Vallée: In der Tat, das stimmt leider. Allein in Europa verursachen Transporte ein Viertel der CO2-Emissionen. Hinzu kommt, dass fast die Hälfte der Unternehmen ihre Treibhausgasemissionen nicht oder nur unvollständig erfasst. Es muss also erst einmal überhaupt gemessen werden, um Transparenz zu schaffen, was vor allem für KMU eine neue Herausforderung darstellt. Erst dann kann die Wahl des richtigen Verkehrsträgers und des Antriebs getroffen sowie die Bündelung von Transporten und die Entwicklung von alternativen Last-Mile-Konzepten entschieden werden.

 m&w: Um welche Stellschrauben geht es konkret?

Prof. Dr. Franz Vallée: Wichtig ist an dieser Stelle die Umsetzung und dafür sind ein noch stärkeres Eingreifen der Politik und die Akzeptanz der Kunden notwendig. Durch Mautgebühren und dieselfreie Zonen werden E-Mobile, Lastenräder und Mikro Depots immer realistischer. An Ideen mangelt es nicht, doch steht die Realisierung immer noch im Konflikt mit dem Kundenwunsch der Expresslieferung und des Kostendrucks.

m&w: Wird der Schutz des Klimas auch die Geschäftsmodelle von Unternehmen beeinflussen? Und welche Vorteile hätte eine transparente und unternehmerische Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie?

Prof. Dr. Franz Vallée: Eindeutig ja. Der Schutz des Klimas wird auch die Geschäftsmodelle beeinflussen! Viele Unternehmen verfügen bereits über eine Nachhaltigkeitsberichterstattung, einige haben sogar eine eigene Abteilung geschaffen. Tatsache ist, auf lange Sicht wird jedes Unternehmen eine Strategie haben müssen, die auch das Thema Nachhaltigkeit beinhaltet. Der Lifestyle hat sich verändert, die Verbraucher werden immer sensibler – und das ist auch gut so. Ich gehe in meiner Bewertung noch weiter: Viele Unternehmen, welche auf Dauer keine klare, glaubwürdige Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie besitzen, werden im Markt Probleme bekommen. Denn Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend. Der Wahlerfolg der Grünen bei den Kommunalwahlen kommt nicht von ungefähr und ist ein Zeichen für ein verändertes Bewusstsein vieler Menschen. Das zeigen auch spezielle Sonderleistungen verschiedener Onlinehändler, die einen optionalen „Nachhaltigkeitsaufschlag“ im Versand oder plastikfreie Verpackungen anbieten. Kontrovers wird aktuell die Frage diskutiert, ob es möglich ist, einen Lieferservice oder einen Besuch jedes einzelnen Kunden in einem stationären Geschäft nachhaltiger zu organisieren.

m&w: Die Transformation hin zur E-Mobilität ist eine riesen Herausforderung und die durchzieht die gesamte Branche. Elektrische Antriebe sind nur eine von vielen Alternativen bei der Umrüstung des Fuhrparks. Wie sehen bzw. beurteilen Sie die Entwicklung für die Logistikunternehmen?

Prof. Dr. Franz Vallée: Der vollständige Verzicht auf fossile Brennstoffe erscheint zurzeit noch nahezu unmöglich, vor allem in Anbetracht des Wettbewerbs. Dabei werden E-LKWs kontrovers diskutiert; man muss jedoch ganzheitlich auf die Problematik schauen. So erscheint die E-Mobilität zunächst als die Lösung, doch sind die Gewinnung von Lithium und die richtige Entsorgung des Endprodukts, der Batterien, wiederum nicht gelöste Probleme für die Umwelt. Erstaunlich ist, dass andere Technologien, wie etwa Wasserstoff, nicht so im Fokus stehen.
Es wird sicherlich noch einige Jahre der Forschung benötigen, bis wasserstoffbetriebene Autos oder auch andere alternative Rohstoffe, wie Löwenzahn und Kautschuk, dieselbe Energieeffizienz wie batteriebetriebene Autos haben. Eine nachhaltigere Alternative wären sie allemal. Aber auch eHighways stellen mittlerweile eine realistische Möglichkeit des Transportes dar – nicht nur für die kurze Pendelstrecke, sondern auch für die Langstrecke, wie es in Baden-Württemberg im kommenden Jahr geplant ist. Leider ist auch hier die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen und es handelt sich um eine sehr kostenintensive Lösung.

m&w: Können Sie ein Beispiel aus der Praxis von einem Nachhaltigkeitsprojekt im urbanen Raum geben, damit man sich vorstellen kann, wohin die „Reise“ geht?

Prof. Dr. Franz Vallée: Ein schönes Beispiel finden wir in München, wo der schon seit einigen Jahrzehnten bestehende Verein „Green City“ sich engagiert, um die Stadt lebenswerter zu gestalten. Der Fokus liegt auf den drei Kernbereichen der Nachhaltigkeit, so dass soziale, ökologische und auch ökonomische Projekte initiiert werden. Nachhaltige Mobilität und Klimaschutz spielen eine große Rolle. So entstand aus einem Projekt des Vereins eine Mobilitäts-App. Sie soll durch das Angebot von Mitfahrgelegenheiten oder Concierge Services, bei denen von einer Sammelstelle aus, die Pakete nur noch per Rad oder zu Fuß ausgeliefert werden, für emissionsfreie Luft und nachhaltige Mobilität sorgen. Der Größenordnung sind hierbei keine Grenzen gesetzt – das Projekt ist ein Teil der EU-Förderinitiative CIVITAS ECCENTRIC und wird auch in anderen Großstädten Europas getestet.

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