„Nachhaltige Unternehmen verfügen über so etwas wie eine Nachhaltigkeitsseele“

Nachhaltigkeitsmanagement

Dr. rer. pol. Natalie Bartholomäus, Professorin für Betriebswirtschaftslehre, Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit an der FH Bielefeld, über den Nutzen einer langfristig erfolgreichen Implementierung von Nachhaltigkeit im Unternehmen.

m&w: Frau Dr. Bartholomäus, sind Unternehmer, die den Nachhaltigkeitsgedanken in ihrem Wirtschaften verfolgen, besondere Persönlichkeiten mit bestimmten Werten in dem Sinne, dass wirtschaftliche Vorteile für sie eher eine untergeordnete Rolle spielen?

Professor Dr. Natalie Bartholomäus: „Nachhaltig denken, handeln und kommunizieren – wer diesen Dreiklang berücksichtigt, ist gut für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung gewappnet.“ (Foto: FH Bielefeld, Ressort Hochschulkommunikation)

Dr. Natalie Bartholomäus: Das würde bedeuten, dass sich Gewinnmaximierung und Ethik gegenseitig ausschließen. Dies ist aber keinesfalls der Grundgedanke von Nachhaltigkeit im Unternehmenskontext. Unternehmen sollen Gewinne maximieren, denn: Wo keine schwarzen Zahlen, da keine Nachhaltigkeit! Vielmehr gilt: Gewinnmaximierung ja, aber nicht um jeden Preis. Die Gewinnmaximierungsabsicht muss genau da enden, wo ethische Grenzen verletzt werden. Die Perspektive auf kurzfristige Bilanzerfolge ist dabei die falsche. Es geht darum, langfristige Erfolge über einen integrativen Ansatz zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem zu verfolgen.

Was sind die besonderen Kennzeichen von nachhaltigen Unternehmen und welche Bedeutung hat der Nachhaltigkeitsaspekt für die Unternehmensführer?

Dr. Natalie Bartholomäus: Nachhaltige Unternehmen verfügen über so etwas wie eine „Nachhaltigkeitsseele“ – intern und extern können Sie förmlich spüren, dass das gesamte Denken und Handeln auf eine verantwortungsvolle Unternehmensführung ausgerichtet ist. Dies steht und fällt mit einer verbindlichen Haltung gegenüber dem Thema der Nachhaltigkeit, auch gegen Widerstand. Das allein reicht aber nicht aus. In Folge brauchen nachhaltige Unternehmerinnen und Unternehmer auch eine Umsetzungskompetenz für Nachhaltigkeitsmaßnahmen sowie eine starke Dialogfähigkeit mit internen und externen Stakeholdern. Kurzum: Nachhaltig denken, handeln und kommunizieren – wer diesen Dreiklang berücksichtigt, ist gut für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung gewappnet.

 Geht es beim nachhaltigen Handeln vor allem um Ökonomie oder eher um die Erkenntnis, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen generell sinnvoll und daher auch gut fürs Unternehmen ist?

Dr. Natalie Bartholomäus: Ökonomie ist eine der drei Säulen von Nachhaltigkeit, wenngleich sicherlich eine sehr wichtige, denn wie oben bereits ausgeführt: Wo keine schwarzen Zahlen, da keine Nachhaltigkeit. Der verantwortungsvolle Umgang mit knappen Ressourcen sollte bei einer nachhaltigen Unternehmensführung aber breit gedacht werden. Es geht um den sorgsamen Umgang mit Ressourcen jeder Art, sei es mit finanziellen, natürlichen oder Humanressourcen. Gerade im Umgang mit der Ressource „Mensch“ zeigt sich, wie sehr sich Nachhaltigkeit lohnt. Nicht nur die Mitarbeitenden werden sich durch Wertschätzung und Anerkennung wohler fühlen, sondern es ermöglichen sich Steigerungen von Produktivität, Motivation und Loyalität. Gerade letztere sollte ernst genommen werden – Mitarbeiterbindung ist und bleibt in Zeiten des Fach- und Führungskräftemangels eines der erfolgsentscheidenden Themen für den HR-Bereich.

Was muss man sich unter einem Nachhaltigkeitsmanagement bzw. einer nachhaltigen Unternehmensstrategie vorstellen? 

Dr. Natalie Bartholomäus: Ich würde die Frage sehr gerne etwas weiter fassen im Sinne von: Wie sieht eine langfristig erfolgreiche Implementierung von Nachhaltigkeit aus, wenn an Strategie und Management gedacht wird? Im Kern geht es hier um den Dreiklang zwischen nachhaltig denken, nachhaltig handeln und nachhaltig kommunizieren – genau in dieser Reihenfolge. (siehe Schaubild). Woran lässt sich nachhaltiges Wirtschaften messen?

Dr. Natalie Bartholomäus: Die Auswirkungen eines Nachhaltigkeitsengagements sind gar nicht so leicht zu messen. Wissenschaftliche Studien zum Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Unternehmenserfolg liefern dazu leider auch kein eindeutiges Bild. Studien gibt es in alle Richtungen, mit positivem, neutralem und negativem Zusammenhang. Das hängt wesentlich davon ab, welche Erfolgsgröße(n) zugrunde gelegt wird (werden). Gerade wenn die Zielgrößen über den Shareholder Value hinausgehen und auch Größen wie zum Beispiel Markenwert, Innovationsstärke oder Arbeitgeberattraktivität berücksichtigen, sind positive Effekte nachweisbar.

Verbessert eine nachhaltige Unternehmenspolitik auch die Kosteneffizienz von Unternehmen?

Dr. Natalie Bartholomäus: Auf lange Sicht ja. Wenn das Unternehmen bereit ist, Investitionen zu tätigen, bei denen ein zeitlicher Spielraum eingeräumt wird, bis sie sich amortisieren. Es geht also nicht um „Quick- and Dirty-Solutions“, sondern um ernsthaftes Engagement, welches der Kunde auch bereit ist, monetär zu honorieren. Ben & Jerrys ist hier ein positives Beispiel. Nimmt man den Begriff der Kosteneffizienz wörtlich, agiert Ben and Jerry’s zwar nicht mit dem Ziel, die Kosten soweit wie möglich zu senken, aber am Ende stimmt die Rechnung. Ein fast doppelter Mindestlohn und 30.000 Dollar Einstiegsgehalt pro Jahr sowie die Übernahme der Krankenversicherung stehen der Verbundenheit und höheren Zahlungsbereitschaft der Konsumenten aufgrund des tatkräftigen Engagements und fair bezogener Zutaten gegenüber. Es verwundert daher nicht, dass das Unternehmen seinen Nettoumsatz im ersten Quartal dieses Jahres um 8,2 Prozent steigern konnte und der Nettogewinn von 1.197 auf 1.334 Million US-Dollar im Vergleich zum Vorjahr angewachsen ist.

 Wie sehen Sie das: Wird die Corona-Pandemie dazu führen, dass Unternehmensverantwortliche langfristig verstärkt auf mehr Nachhaltigkeit setzen?

Dr. Natalie Bartholomäus: Das Bewusstsein von Wirtschaft und Gesellschaft für die Balance zwischen der sozialen und der ökonomischen Dimension war vermutlich noch nie so stark wie jetzt. Aktuell ist es für Unternehmen wichtiger denn je, kurzfristig dynamisch zu reagieren und sich gleichzeitig langfristig gut aufzustellen. D.h. bei allen unternehmerischen Entscheidungen sollten wirtschaftliche Interessen mit den Erwartungen verschiedener Anspruchsgruppen ausbalanciert und die Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt berücksichtigt werden. Aus Sicht der Nachhaltigkeitsfachszene wird es perspektivisch besonders interessant sein zu sehen, ob die Unternehmen, die sich in einem besonderen Maße strategisch zum Thema Nachhaltigkeit bekannt und dies auch operativ verankert haben, mit der aktuellen Krisensituation besser umgehen können als ihre Mitbewerber. Meine These lautet da eindeutig: Ja.

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