Nachhaltige Startups: Auf Spurensuche

Auf den ersten Blick ist es schwierig, nachhaltig orientierte und soziale Startups in der Region zu finden. Die meisten kommunizieren ihre gesellschafts- orientierte Ausrichtung nicht explizit. Jetzt kommt ein wenig Licht ins Dunkel.

Die Früchte stammen aus der Region, in einem schonenden Produktionsprozess werden sie weiter verarbeitet mit Zutaten, die jeder kennt: Für das Startup Limoment, Getränkehersteller von fruchtigen Limonaden ohne Zuckerzusatz, war bei der Gründung klar, gesellschaftlich verträglich und nachhaltig wirtschaftlich zu handeln. Für die Bielefelder Gründer sei dieses eine Selbstverständlichkeit, die nicht besonders kommuniziert werden müsse. Und auch die Bezeichnung „soziales Startup“ sei für sie nicht für entscheidend. Obwohl sie ein großes Herz für andere haben: Mit ihrem Produkt „Durstlöscher“ unterstützen sie gezielt soziale Projekte in der Region. Außerdem engagieren sie sich für die regionale Gastronomieszene, die stark unter der Corona-Pandemie leidet.

Dr. Eva Alexandra Jakob erarbeitet einen Social Startup Monitor für die Region. (Foto: stephanmuennich_HiRes)

Generell scheint es schwierig, Startups, deren Geschäftsmodell auf einer nachhaltigen und sozialen Basis beruht, ausfindig zu machen.
Versuche, sich einen Überblick über die Szene in der Region zu verschaffen, stoßen schnell an ihre Grenzen. Gründen hier nur wenige Menschen ein Unternehmen mit gesellschaftsrelevanter Geschäftsidee oder machen sie einfach nur kein großes Aufsehen um ihre am Gemeinwohl orientierte Ausrichtung? Mit diesen Fragen bestätigt sich seit einigen Monaten auch Dr. Eva Alexandra Jakob, Post-Doktorandin an der Uni Paderborn, Mitglied im Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland und Ansprechpartnerin für die Region.

„Vor ein paar Monaten habe ich im Social Entrepreneurship Monitor eine Landkarte entdeckt, die aufzeigt, wo überall in Deutschland Social Entrepreneurship gefördert wird und wo Social Startups sitzen. Für OWL war dort nur ein weißer Fleck“, so die Projektleiterin beim Technologietransfer- & Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn (TecUP).

Das habe sie neugierig gemacht. „Gibt es hier tatsächlich keine Startups, die sich für die Lösung gesellschaftlicher Probleme einsetzen? Oder kennen wir diese nur nicht? Wo sind sie? Was beschäftigt sie? Inwieweit sind sie anders als andere Startups und welche Bedürfnisse haben sie? Wir haben uns auf die Suche gemacht. Das war eine Menge Arbeit, die auch noch nicht abgeschlossen ist“, so die Projektleiterin. Die Ergebnisse sollen in einigen Monaten in einem Social Startup Monitor für die Region veröffentlicht werden. Er soll eine Datengrundlage schaffen, den Gründerinnen und Gründern ein „Gesicht“ geben.
So viel ist schon einmal sicher – es gibt diese Unternehmensgründer tatsächlich. Die Paderborner Wissenschaftler sind fündig geworden und das konnten sie im Juni auf der ersten Impact Night OWL unter Beweis stellen. Hier hatten sich gut 25 Gründerinnen und Gründer aus der Region zum digitalen Format eingefunden, deren Geschäftsmodelle die Lösung gesellschaftlicher Probleme zum Ziel haben. Der erste Kontakt sollte dazu dienen, herauszufinden, wer sie sind und wie man sie unterstützen kann.
„Die größte Problematik sehe ich darin, dass die Begriffe social Startup und social Entrepreneurship in der Region kaum verbreitet sind. Die wenigsten Gründerinnen und Gründer bezeichnen sich selbst als soziales Startup, – ein Grund, warum die  gezielte Recherche so schwierig ist“, beschreibt die Wissenschaftlerin. Das sei einzigartig. Aus Kontakten in die nationale und internationale Szene wisse sie, dass sich Startups hier sehr wohl mit der Begrifflichkeit identifizierten und dieses „Hilfskonstrukt“ nutzten, um darüber andere Gleichgesinnte kennenzulernen.
Dennoch geht die Wissenschaftlerin davon aus, dass Startups in unserer Region, sich als gesellschaftlich relevant wirkend sehen, dass das „Soziale“ schon zu ihrer DNA und Identität gehört. Die Gründe, warum sie dieses nicht explizit kommunizieren, sind vielfältiger Natur. „Die Furcht, zu hohe Erwartungen bei Kunden und Investoren zu schaffen und diese letztendlich nicht zu erfüllen, mag eine Ursache sein. Eine andere ist die, dass Gründer ihr nachhaltiges Geschäftsmodell als völlig normal betrachten und keinen Sinn darin sehen, dieses explizit auch zu kommunizieren“, so Jakob.
Nicht zu unterschätzen sei die Tatsache, dass in Deutschland, anders als zum Beispiel in Großbritannien, soziale Themen in der Wirtschaft nicht so angesehen sind, da bei uns soziales und gesellschaftliches Engagement eher dem Staat zugeschrieben wird. Unternehmertum und soziale Verantwortung werden nicht zwangsläufig in einem Atemzug genannt.

Diese Denke stellt für viele Startups eine besondere Herausforderung dar.

 „Wachstum und soziale Ideen sind schwieriger zu skalieren, weil das Umfeld viel komplexer ist“, sagt Jakob. Produkte würden in der Regel für ein gesellschaftliches Problem entwickelt und dabei schaue man nicht darauf, wo das größte Kaufpotenzial liege. „Startups, die zum Beispiel im gesundheitlichen Bereich tätig werden, haben oftmals mit mehreren Akteuren zu tun. Das macht das gesamte Projekt komplexer. Deshalb kann ein Austausch mit anderen und der Zugriff auf ein Expertennetzwerk nur hilfreich sein.“
Ganz zu schweigen von der Finanzierung. Wie wichtig ist es der eigenen Hausbank, einem Unternehmen einen Kredit anzubieten, dass nur gesellschaftliche Ziele verfolgt? Gleiches gilt für die Gewinnung von Investoren, die oftmals nur auf die Rendite schauen. National seien zwar Impact Investoren unterwegs, für die Region interessierten sie sich jedoch nicht. Auch vor diesem Hintergrund sei ein starkes regionales Netzwerk notwendig, dass nicht nur untereinander, sondern auch darüber hinaus mit anderen Akteuren ausgebaut werden müsse.
Zum Beispiel mit bereits etablierten Unternehmen wie dem Mittelstand, in der Region oft in Familienhand. Mit dieser Idee haben sich Dr. Eva Jakob und ihr Team auch beschäftigt.

„Unsere Wahrnehmung ist es, dass es sehr viele engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer gibt, die sich ebenfalls für gesellschaftliche Belange einsetzen, aber gleichzeitig auch ein Unternehmen führen“, so Dr. Jakob.

Deshalb mache es Sinn, darüber nachzudenken, dass Mittelständler nicht nur technologieorientierte Startups, sondern auch solche mit sozialem und gesellschaftlichem Hintergrund als Investmentmöglichkeit betrachten. Langfristig könnten so beide, da sie eine ähnliche Motivation antreibe, profitieren und voneinander lernen.
Generell stellt sich die Frage, ob die gesamte Wirtschaft sich nicht nachhaltiger aufstellen sollte – unabhängig von der Branche, Größe, Alter, Produkten und Dienstleistungen. Darüber nachzudenken, wie Produkte verantwortungsvoll hergestellt und nach deren Gebrauch in den Wertstoffkreislauf gelangen, könne eine Selbstverständlichkeit werden, so die Wissenschaftlerin.

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