Maschinen- und Anlagenbau: Von Unsicherheiten geprägt

Der Anlagen- und Maschinenbau ist eine robuste Branche, das hat er immer wieder unter Beweis gestellt. Momentan weht ihm wieder einmal der Wind ins Gesicht. Angesichts verschiedener Krisen hat sich die Komplexität der Herausforderungen erhöht. Wie resilient sind die Unternehmen dieses Mal?

Manfred Müller ist Hersteller von Systemlösungen für die Prozesstechnik, natürlich waren die Zeiten schon einmal einfacher. Die zahlreichen Krisen ziehen auch an seinem Unternehmen nicht spurlos vorbei. Als die Corona-Pandemie begann, änderte sich einiges. Plötzlich war es nicht mehr möglich, nach China zu reisen, wo der kleinere Mittelständler eine Produktionsstätte betreibt. Mit Video-Konferenzen zu sehr früher Stunde hat man den Kontakt aufrechterhalten, alle Aktivitäten wurden fokussiert gesteuert – das hat gut funktioniert. Relativ gelassen blickt er auch heute noch in die Zukunft.
Anders stellt sich die Situation bei einem Großunternehmen mit Sitz in der Region und weiteren Standorten in Europa, einem Vertriebsbüro in China und einem Servicebüro in den USA dar. Hier ist der Blick in die Zukunft schon sorgenvoller. Die komplexen Strukturen verlangen sehr viel Kraft und Energie, um den Betrieb am Laufen zu halten. Dennoch überwiegen auch hier noch Gelassenheit und vorsichtiger Optimismus. Schließlich ist der Maschinenbauer so einiges gewohnt und hat gelernt, sich permanent auf den Märkten zu behaupten.

„Der Maschinenbau darf im internationalen Wettbewerb nicht den Anschluss verlieren und muss sich auf freien Handel und einen fairen internationalen Wettbewerb verlassen können. Der freie Handel sollte nicht durch Protektionismus behindert werden. Vielmehr sollten Freihandelsabkommen zwischen den wichtigsten wirtschaftlichen Regionen vorangetrieben werden“, sagt Hans-Jürgen Alt.

Hans-Jürgen Alt: „Die Maschinenbauer sind in der Lage, bei allem, was wir vor der Brust haben, wie Energiewende, Dekarbonisierung, Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft, die Lösungen anzubieten, die uns weiterbringen.“ Foto: VDMAVDMA Düsseldorf,(c) Team Uwe Nölke

Der Geschäftsführer VDMA des Landesverbands NRW kennt die Unternehmen, weiß um deren Stärken und macht sich momentan noch keine ernsthaften Sorgen. „Die Stimmung ist nicht schlecht. Die Unternehmen sind gut unterwegs und treten sehr selbstbewusst auf. Sie wissen, dass sie technologisch spitze, ihre Lösungen gefragt sind, weil diese ihre Kunden voranbringen.“
Die Betriebe sind in der Lage, mit Problemen umzugehen, der Maschinenbau ist schon immer eine zyklische Branche gewesen, in der es Höhen und Tiefen gibt, weiß Hans-Jürgen Alt: „Verschiebungen innerhalb der Märkte sind hier keine Besonderheit. Unternehmen sind gefordert, permanent gegen- oder nachzusteuern. Fakt ist aber auch, aktuell haben sich einige Probleme verschärft, um nicht zu sagen, ihre Anzahl hat sich exponentiell erhöht.“ Dennoch habe er bisher kaum jemanden getroffen, der pessimistisch in die Zukunft schaue.
Das liegt vielleicht auch daran, dass der Auftragsbestand hoch ist und für gut zwölf Monate reicht, der höchste seit Jahrzehnten.

„Ursache für diese Entwicklung ist, dass viele Maschinen in den letzten Monaten teilweise nicht fertig gebaut werden konnten. Oftmals fehlten Teile, was zu Verzögerungen bei den Auslieferungen führte und sich die Maschinen in der Halle stauen. Auftragsstornierungen sind aktuell noch kein großes Thema, was sich natürlich noch ändern kann“, so Alt.

Denn die allgemeine Gemengelage stellt sich zurzeit relativ komplex für die Unternehmen dar. Da sind die gestörten Lieferketten, die für viele problematisch sind  und deren Ursache in der nicht funktionierenden Logistik liegt. Bei einigen Teilen ist die Nachfrage größer als für die Produktion notwendig, weil Unternehmen mehr auf Lagerhaltung setzen und alles kaufen, was der Markt hergibt. „Damit schaffen sie zwar Resilienz, verschlimmern jedoch die Lage“, so der VDMA-NRW-Chef.
Nach wie vor prägen die Pandemie und ihre Folgen das Geschehen, was sich zum Beispiel in über lange Zeiträume geschlossenen Häfen in China zeigt. Eine weitere Herausforderung sind auch erschwerte Reisebedingungen, die Einreise von Servicemonteuren in China funktioniert eingeschränkt oder nur mit großen Schwierigkeiten.
Hausgemacht und lange bekannt ist der gravierende Fachkräftemangel in der Branche.

„Wir warnen hier seit Jahren, weil die Entwicklung absehbar war. Passiert ist leider wenig“, so Alt.

Junge Menschen für eine Ausbildung im Maschinenbau zu gewinnen, sei ein weiteres ungelöstes Problem. Aktuell seien viele Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben, weil es keine Bewerbungen gegeben habe oder aber die Qualifikationen weit unter Niveau gelegen hätten.
Und auch die Preissteigerungen stellen mittlerweile eine weitere Herausforderung dar, im Einkauf ist vieles teurer geworden. Mehr Geld muss auch für die Beschäftigten gezahlt werden. Im Oktober steht die nächste Tarifrunde an. Ein Blick in andere Branchen zeigt, dass auch im Maschinenbau nicht mit einer Nullrunde zu rechnen ist. Die große Unbekannte ist das Thema Energie: „Die Kosten für Hilfs- und Betriebsstoffe, darunter fallen Gas und Strom, machen im Maschinenbau selbst nur knapp vier Prozent aus. Das ist überschaubar, obwohl sich die Energiepreise zum Teil verdreifachen“, so Hans-Jürgen Alt. Problematisch ist hier nicht der eigene Verbrauch, viel schlimmer ist, dass man nicht weiß, welcher Lieferant oder Kunde stark vom Gas abhängig ist: „Was passiert, wenn die Zulieferketten nicht mehr funktionieren, weil die eigenen Lieferanten aufgrund der Gas-Knappheit nicht mehr lieferfähig sind? Auch die Abnehmer von Maschinen und Anlagen können Aufträge stornieren, wenn sie Gas oder Rohstoffe für deren Betrieb nur teuer – oder schlimmstenfalls gar nicht mehr – am Markt bekommen können“, beschreibt Alt mögliche Szenarien.
Und als ob das nicht schon genug wäre, ist auch die geopolitische Lage in den Blick zu nehmen. Schließlich ist der Maschinenbau exportabhängig, mit einer fast 80-prozentigen Quote liefert er weltweit. „Der Krieg und die daraus folgenden Konsequenzen, der erneute Zerfall der Welt in Blöcke, die stärkere Konfrontation zwischen China und den USA – und dazwischen Europa. Wie einig wir uns sind, wenn wir international auftreten, erlebt man täglich in den Nachrichten“, sagt Alt. 

Für eine Branche, die vom Export lebt, ist das kein gutes Omen. Wobei die Märkte sich schon immer unterschiedlich entwickelt haben. „Es gab nur ganz wenige Phänomene, wo die Märkte in Europa, Asien und den USA im Gleichschritt gelaufen sind. Das war nur bei tiefen Krisen oder langen Aufschwüngen zu beobachten. Zurzeit wird alles, was in China wegbricht, von den USA überkompensiert“, so der Geschäftsführer des VDMA NRW.

Alt hat beobachtet, dass die Firmen aktuell auf Sicht fahren und viel Kraft und Energie darauf verwenden, um mögliche Probleme abzufedern. Viele haben versucht, die Anzahl der Lieferanten zu erhöhen, deutlich höhere Lagerbestände zu schaffen und auch die Regionen, aus denen sie ihre Produkte beziehen, in den Blick genommen. Und dabei machen durchaus auch Überlegungen die Runde, ob es nicht ratsamer ist, mehr zu diversifizieren, um sich eine größere Unabhängigkeit zu verschaffen.

„Untersuchungen haben gezeigt, dass wir überproportional viel aus Europa beziehen. Es ergibt durchaus Sinn, bei der Suche nach Lieferanten über die Grenzen der EU hinauszugehen. Wir haben alle erlebt, dass auch Lieferanten vor der Haustür keine Liefergarantie geben können. Während des Lockdowns kam zum Beispiel aus Norditalien plötzlich gar nichts mehr“, sagt Hans-Jürgen Alt.

Auch aus rechtlicher Sicht ist die Lage alles andere als trivial, wenn man seine Kunden wegen fehlender Rohstoffe vertrösten muss. Da stehen möglicherweise Haftungsfragen im Raum, Verträge müssen dahingehend geprüft werden. Der ein oder andere Maschinenbauer wird hier einige Zusatzschleifen drehen, um Klarheit zu bekommen und die weitere Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten nicht aufs Spiel zu setzen.  

Was wäre wenn?
Diese Frage stellen sich aktuell immer mehr Branchenvertreter. Wie reagiert man auf die Gasnotlange und die Auswirkungen des Kriegs?

Was ist zu tun, falls Energie-Zuteilungen kommen? Wird der internationale Reiseverkehr bei steigenden Coronazahlen im Herbst zusammenbrechen oder bleibt das Problem auf Deutschland begrenzt? Schließt China irgendwann wieder einen Hafen oder wird es möglicherweise Verordnungen erlassen, die vorschreiben, dass keine amerikanischen Teile in Maschinen für den chinesischen Markt verbaut werden dürfen? Noch weiß niemand die Antwort. Währenddessen herrscht aktuell eine große Unsicherheit, die jede Planung unmöglich macht. Dabei ist die Ausgangssituation für jedes Unternehmen eine andere, sie wird geprägt von den jeweiligen Produkten und deren Abnehmern, von der Produktion, die bei dem einen konzentriert in einem Werk, bei den anderen an verschiedenen Standorten stattfindet. Auch die Intensität des Russlandgeschäfts ist unterschiedlich.

„Die Strategie eines Unternehmens ist entscheidend. Gerade unter den geopolitischen Gegebenheiten fragen sich viele Verantwortliche, wie eine erfolgreiche Aufstellung aussehen kann und was geschieht, wenn es nicht mehr problemlos möglich ist, sowohl China als auch die USA zu beliefern? Kommt es dann vielleicht so weit, dass eine Maschine für den amerikanischen und eine für den chinesischen mit verschiedenen Steuerungen gebaut werden muss?“, beschreibt Hans-Jürgen Alt mögliche Zukunftsszenarien.

Die insbesondere bei den Großen der Branche bereits zu konkreten Überlegungen geführt haben. Und so gibt es in dem ein oder anderen Unternehmen bereits Ideen, in jedem Kontinent ein Werk zu errichten und zu versuchen, so halbwegs geschlossene Lieferketten innerhalb dieser Kontinente aufzubauen. Ein Gedankenspiel, das für den klassischen Mittelständler völlig unrealistisch ist.

Die Liquidität der Firmen

Zu den zahlreichen Herausforderungen gesellt sich noch ein weiteres Thema, das angesichts der aktuellen Situation eine wichtige Bedeutung hat: die Liquidität der Firmen. Da schlagen zum Beispiel die nicht unerheblichen Kostensteigerungen zu Buche, die nicht jeder Maschinenbauer problemlos an seine Kunden weitergeben kann. Mit der Konsequenz, dass Marge und Eigenkapital sinken und damit weniger Eigenkapital im Unternehmen vorhanden ist. Problematisch ebenfalls: Stoppt die Auslieferung von Maschinen und Werkzeugen, weil Teile fehlen, kann auch keine Schlussrechnung gestellt werden, Kapital ist im Unternehmen gebunden.

Möglicherweise fallen auch Vertragsstrafen an, die zusätzliche Liquidität kosten. „Auf der anderen Seite ist der Maschinenbauer, wenn er sich resilienter aufstellen möchte, gezwungen, deutlich mehr Material in die Halle zu legen, obwohl das die Kapitalbindung weiter erhöht. Das führt zwar zu einer guten Bilanz, jedoch zu einer schlechten Liquidität“, sagt VDMA-Experte Alt.
Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Maschinen- und Anlagenbau in einer guten Position ist. Hans-Jürgen Alt bescheinigt ihm sogar glänzende Zukunftsaussichten, denn die Branche ist prädestiniert, unsere drängendsten Herausforderungen zu meistern: Die Maschinenbauer sind in der Lage, bei allem, was wir vor der Brust haben, wie Energiewende, Dekarbonisierung, Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft, die Lösungen anzubieten, die uns voranbringen. Der Maschinenbau kann mit seinen Anlagen weiterhelfen. „Jetzt kommt es darauf an, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Fortführung der Geschäfte ermöglichen. Den Rest schafft der Maschinenbau dann schon ganz allein“, so Alt.  

-Anzeige-