Kolumne: Digitalisierung des Geschäftsmodells

Keine Technologie- sondern Zukunftsfrage!

Aljoscha Schlosser, Managing Partner & Expert Industrial Innovation, minds & maker GmbH

Die Diskussionen über und Investitionen in die Industrie 4.0 halten an – seit nun knapp zehn Jahren und mit einem Ziel: die vernetzte Produktion. Doch herrscht zugleich eine zu einseitige Betrachtung des digitalen Zeitalters, welche die Innovationsführerschaft unserer Hidden Champions gefährden kann.
Die Industrie 4.0 steht für weit mehr als die digitale Effizienzsteigerung. Der Umbruch, die Weiterentwicklung unserer Jahrzehnte lang bewährten Geschäftsmodelle muss ebenso Einzug auf der strategischen Agenda finden. Denn neben der Technologisierung unserer Industrien befinden wir uns im Wandel hin zu einer Servicierung, einer dienstleistungs- orientierten Wirtschaft und Gesellschaft. Auch Industrieunternehmen fokussieren sich auf ihr Kerngeschäft und suchen nach flexiblen Lösungen, die ihnen Mehrwerte schaffen, statt Kapital zu binden.
Der Treibstoff dieser Entwicklung? Das IIoT, Big Data und eine gewandelte Kunden- statt Produktfokussierung. Unternehmen, die diese Entwicklung missachten, drohen nicht nur zukünftig Marktanteile und den Kontakt zum Endkunden zu verlieren. Das Startup LOOXR, eine Gründung des Druckluftspezialisten Mader, macht es vor: Mit ihrer IoT-Lösung vernetzt das junge Unternehmen nicht nur die Kompressorräume in der Industrie, sondern bietet ein klares Nutzenversprechen: Sorgenfreie Druckluftversorgung durch Pay per Use – basierend auf einem hybriden Geschäftsmodell.
Die heutigen Möglichkeiten bieten die Chance einer neuartigen Differenzierung im globalen Wettbewerb, neuer Umsatzpotenziale, gar Marktregeln neu zu definieren. Die Komplexität und Individualität der entstehenden Service-Ökosysteme lassen wohl kein allgemeingültiges Erfolgsrezept zu. Nicht für jede Produktionsmaschine möchte ein Anwender ein eigenes Monitoring Portal und gleichermaßen ist der Aufbau einer eigenen IIoT-Plattform kein Universalmittel jedes Anbieters. Vielmehr muss es uns darum gehen, wie wir Technologien und Daten nutzbar machen können, um konkrete Mehrwerte zu schaffen. Ob hierfür „Predictive Maintenance“ oder simplere Lösungen eingesetzt werden, ist zweitrangig zu betrachten. Die Basis stellen smarte Produkte, dessen generierte Daten wir einem hohen Wert beimessen sollten: zum Lernen und für neue Services.
In unseren ingenieursgetriebenen Unternehmen bedarf es nun teils eines grundlegenden Wandels. Effizienzsteigerungen und Flexibilisierung durch die Digitalisierung sind verständlich und greifbar. Doch warum ein florierendes Geschäftsmodell hinterfragen, welches das eigene hoch technologisierte Produkt in den Mittelpunkt stellt? Kunden- statt Technikfokus, Nutzenversprechen anstatt Produktvertrieb und Datenanalysen als Ingenieurskunst: Die Innovationsführerschaft von morgen benötigt die Verbindung von Bestehendem mit Neuem.

Kontext
Aljoscha Schlosser verbindet Digital & Industrie auf eine spannende Art und Weise. Auf seinem Werdegang leitete er unter anderem das Digital Innovation Management bei BOGE und war in verschiedenen Verbänden, wie der Plattform Industrie 4.0 des BMWi, aktiv. Der Fokus seiner Arbeit liegt in der digitalen Organisations- & Geschäftsmodellentwicklung. Nach acht Jahren in der Industrie ist er heute Managing Partner und Expert Industrial Innovation bei minds and maker und unterstützt Unternehmen bei der digitalen Transformation.
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