Interview

„Die Erneuerbaren Energien sind kein Selbstläufer“

Wie kann der Umbau der Energieversorgung hin zu einer höheren Effizienz, zu mehr Erneuerbaren Energien sowie zu geringeren Kosten gelingen? Prof. Dr.-Ing. Christoph Kail von der FH Südwestfalen erklärt, wie durch eine Erhöhung der Flexibilität, Dezentralität und Vernetzung den Erfordernissen der Energiewende Rechnung getragen werden kann. 

Mit welchen Erneuerbaren Energien will man in der Region umweltfreundlichen Strom und Wärme erzielen?
Dr. Kail: Die Energieträger Biomasse und Wasserkraft sind bereits seit Jahrzehnten im Einsatz und leisten bis heute einen stabilen Beitrag. Weitere Potenziale lassen sich jedoch nicht heben. Um den weiteren Ausbau zu forcieren, sind wir auf Wind und Sonne angewiesen. Problematisch ist, dass diese nur fluktuierend nutzbar sind. Insbesondere im Winter ist die Nutzung der Sonnenenergie kaum möglich. Die Verfügbarkeit des Windes ist um einiges größer als die der Sonne. Dennoch ist das Thema Wind für viele Menschen ein rotes Tuch, sie möchten die Anlagen nicht in ihrer Nähe haben.  Hinzu kommt, dass aus Wind gewonnener Strom nicht langfristig gespeichert werden kann, d.h. wir sind weiterhin gefordert, Großkraftwerke vorzuhalten, um die Versorgung mit Energie sicherzustellen.

Prof. Dr.-Ing. Christoph Kail

Prof. Dr.-Ing. Christoph Kail: „Der Ausbau der Windenergie und der gekoppelten Erzeugung von Strom und Wärme in dezentralen Blockheizkraftwerken sind geeignete Maßnahmen, um die Energiewende zu erreichen.“

Künftig wird verstärkt die Nutzung von Erdwärme über den Einsatz einer Wärmepumpe an Bedeutung gewinnen. Der Strom für den elektrischen Antrieb könnte im Winter aus der Windkraft gewonnen werden. Dennoch – der Ausbau der Windenergie und der gekoppelten Erzeugung von Strom und Wärme in dezentralen Blockheizkraftwerken sind geeignete Maßnahmen, um die Energiewende zu erreichen. Die Erneuerbaren Energien sind kein Selbstläufer. Durch die Energiewende werden die Kosten für die Energieversorgung weiter steigen. Heute entfallen auf jeder Stromrechnung etwa 25 Prozent auf Zahlungen für die Erneuerbaren Energien.

Welchen Stellenwert haben Blockheizkraftwerke zur Energiegewinnung für die industrielle Nutzung?
Dr. Kail: Im industriellen Einsatz waren Blockheizkraftwerke für die gekoppelte Gewinnung von Strom und Wärme bis vor kurzem sehr attraktiv. Durch die Anfang des Jahres erfolgte Reduktion der Fördermöglichkeiten für Unternehmen, macht sich nun eine gewisse Bremswirkung bemerkbar. Kleinere Anlagen stehen noch ganz gut da. Für größere Unternehmen wurde die Förderung stark zurückgefahren, so dass sie mit bis zu sechs Jahren Amortisationszeit rechnen müssen.

Was müssen die Unternehmen in technischer Hinsicht tun, um die ankommende Energie effizient zu nutzen?
Kail: Jedes Unternehmen ist in der Pflicht, ein Energiemanagementsystem zu etablieren und die Prozesse so zu verändern, dass weniger Energie verbraucht wird. Möglichkeiten gibt es viele: Angefangen bei der Nutzung von Abwärme, über den Einsatz von LED-Licht für die Beleuchtung bis hin zur Reduktion der Verluste bei der Drucklufterzeugung. Gleichzeitig kann man auch auf den Einsatz Erneuerbarer Energie setzen: Eine Photovoltaik-Anlage auf das Hallendach zu installieren, ist als Zusatzversorgung durchaus denkbar, ein eigenes Windrad zu betreiben in den meisten Fällen aufgrund der begrenzten Fläche eher ungeeignet.

Stichwort Vernetzung der Systeme- was steckt dahinter?
Dr. Kail: Zukünftig wird es mehr denn je darauf ankommen, den Energieverbrauch nach der Erzeugung auszurichten. Wenn der Wind weht und die Sonne scheint, wird mehr Energie erzeugt, so dass auch mehr zur Verfügung steht. Jetzt wäre es zum Beispiel sinnvoll, die Waschmaschine anzustellen – hier spricht man von Demand-Side-Management. Die Vernetzung von Stadtwerken und Kunden schafft hier neue  Möglichkeiten, die künftig durchaus Realität werden. Im Zuge dessen, wird der Strompreis auch variieren. Ist viel Energie vorhanden, wird er günstiger. Das schafft einen Anreiz für den Verbraucher und ist eine Antwort auf die fluktuierende Stromerzeugung, die Vernetzung macht es möglich.  Schon jetzt können einige Unternehmen, die ein BHK im Einsatz haben, ihre Produktion herunterfahren, wenn wenig Strom vorhanden ist und die selbst erzeugte Energie für den Markt bereitstellen.

 

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