Interview zur KUTENO: „Der Einsatz von Kunststoffen hilft, Ressourcen zu schonen“

Die kunststoffverarbeitende Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. Über die Bedeutung von Kunststoffen im Hinblick auf die Stärkung der Kreislaufwirtschaft und die Herausforderungen Fachkräftemangel, Ausbildung und Qualifizierung spricht Carsten Kießler, Leiter des Instituts für Kunststoffwirtschaft (ikuowl) mit Sitz in Lemgo.

m&w: Der Werkstoff Kunststoff steht im Zentrum vieler Diskussionen in der Öffentlichkeit. Ist hier die kunststoffproduzierende / – verarbeitende Industrie gefordert oder muss nur der Umgang mit Kunststoffen ein anderer werden?

Carsten Kießler, Leiter des Instituts für Kunststoffwirtschaft (ikuowl) mit Sitz in Lemgo   (Foto: ikuowl)

Carsten Kießler: Sowohl als auch! Kunststoff in seinen Varianten ist nach wie vor der „Werkstoff des 21. Jahrhunderts“. Die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten und die hohe Flexibilität sprechen für sich. Kunststoff hat ungerechterweise einen schlechten Ruf. Aus der heutigen Alltagswelt sind Produkte aus Kunststoff gar nicht mehr wegzudenken. Die Automobil- und Luftfahrtindustrie oder auch die Medizintechnik – sie alle nutzen diesen Werkstoff und das sind nur ein paar Beispiele für innovative Einsatzgebiete. Auch in Zukunft werden Kunststoffe unsere Welt sinnvoll mitgestalten. Kunststoff steht für Funktion, Ästhetik und Nachhaltigkeit. Lange nicht mehr jeder Kunststoff wird aus Erdöl gewonnen. Das sind nur vier Prozent des weltweit geförderten Erdöls. Der größte Teil wird für Transport und Heizung genutzt. In der Branche wird derzeit viel mit nachwachsenden Rohstoffen experimentiert. Kunststoff kann man zum Beispiel auch aus Zellulose, Stärke oder aus Milch gewinnen. Aktuelle Herausforderungen wie die „Mobilität von morgen“, die „Digitalisierung“ oder „Grüne Energie“ sind ohne den Einsatz von Polymermaterialien gar nicht denkbar. Daher ist hier die Branche gefragt, Themen wie Nachhaltigkeit und zirkuläre Wertschöpfung konsequent zu Ende zu denken und innovative Wege bereits beim Design und in der Konstruktion neuer Produkte zu beschreiten. Auf diese Weise können der Einsatz von Ressourcen reduziert und die unterschiedlichen Nutzungsphasen effizienter gestaltet werden. Das ist einer der Wege, wie ein Produkt, dessen Lebenszyklus abgelaufen ist, als Rohstoff einer neuen Generation von Produkten dienen kann.
Darüber hinaus ist aber auch ein Umdenken in den Köpfen aller erforderlich. Auch der Endverbraucher ist gleichermaßen gefragt, seinen Umgang mit Kunststoffprodukten zu überdenken. Sei es, dass er Verpackungen nach der Nutzungsphase dem Wertstoffkreislauf zuführt oder beim Kauf von Produkten auch auf Leistungsversprechen hinsichtlich Nachhaltigkeit achtet.

m&w: Kunststoffe schaffen und erhalten Werte unter Schonung von Ressourcen, sagen die Experten. Wo genau liegt der besondere Mehrwert von Kunststoffen, besonders wenn es um das Recyceln und die Wiederverwendung geht?

Carsten Kießler: Der Einsatz von Kunststoffen hilft dabei, Ressourcen zu schonen. Ein Blick auf die Automobilindustrie zeigt, dass beispielsweise Ansaugkrümmer aus Kunststoff die Effizienz von Motoren steigern können. Dadurch wird weniger Treibstoff verbraucht. Der Einsatz von Kunststoffen führt zu Gewichtsreduktionen, was denselben Effekt hat. Auch beim sinnvollen Einsatz von Verpackungen für Lebensmittel lassen sich positive Effekte erzielen. Außerdem können Kunststoffe als Rezyklate den Einsatz von Primärrohstoffen reduzieren. Denn vermeintliche Abfälle sind Rohstoffe. Das muss in die Köpfe aller. Wenn es gelingt, eine ähnliche Verwertungsquote wie beim Rohstoff Papier zu erzielen – der diesbezüglich eine weitaus längere Geschichte hat – dann können Recyclingquoten jenseits der 80 Prozent erzielt werden. Dabei müssen die werkstoffliche und rohstoffliche Verwertung ebenso betrachtet werden wie die energetische Verwertung. Allerdings gelingt das nur, wenn Verarbeiter, Entsorger und Endverbraucher gleichermaßen mitspielen.

m&w: Stichwort „Cost Engineering“, was genau ist darunter zu verstehen und welche Bedeutung hat es für die Kunststoffproduktion?

Carsten Kießler: Die Hauptaufgabe des Cost Engineering liegt in der Gewinnmaximierung. Es geht darum, im laufenden Seriengeschäft Kosten einzusparen. Das geschieht bereits in der Phase der Produktentwicklung, in der der Entstehung von Kosten aktiv entgegengesteuert werden soll. Hierzu gibt es zahlreiche Methoden. Da kein Unternehmer seine Marktposition wegen zu hoher Kosten einbüßen möchte, ist dieses Thema für jede Branche interessant. Die Margen sind gerade in der Kunststoffbranche oftmals sehr gering. Preisliche Abgrenzung von Mitbewerbern ist oftmals noch schwieriger als in anderen Branchen. Daher ist das Thema insbesondere für KMU von besonderer Bedeutung.

m&w: Für drei von vier Kunststoffverarbeitern sind fehlende Fachkräfte nach wie vor eines der aktuell größten Probleme, so der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e. V. (GKV) in einer Untersuchung. Wie können die Unternehmen hier gegensteuern?

Carsten Kießler: Unternehmen, die Auszubildende wollen bzw. fertige Fachkräfte suchen, müssen mit letzter Konsequenz begreifen, dass sie sich auf einem Anbietermarkt bewegen, wenn es um Mitarbeiter geht. Da sich hier nicht alles über den Preis regeln lässt – was heute auch nicht mehr für jede Fachkraft ein entscheidendes Kriterium bei der Jobwahl ist – müssen Betriebe sich interessant machen. Kunststoffverarbeitende Unternehmen stehen im Vergleich zu anderen Branchen vor besonderen Herausforderungen, weil der Werkstoff Kunststoff gerade bei jungen Menschen aktuell ein schlechtes Image hat. Erfolgreich sind oftmals diejenigen, denen es gelingt, sich als Arbeitgeber positiv zu positionieren. Das Gehalt ist zwar immer noch ein wichtiges Kriterium, Betriebsklima, Vorgesetztenverhalten, flexible Arbeitszeiten, Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten sind aber mittlerweile mit dem Image als Arbeitgeber in der Betrachtung ziemlich gleichauf.
Wer ein Portfolio besitzt, dessen Mehrwert er gut darstellen kann, der sollte das auch tun und das sehr aktiv. Sich allein auf Branchenverbände zu verlassen wäre sehr fahrlässig. Darüber hinaus gibt es mittlerweile zahlreiche – teils geförderte – Angebote eines externen Ausbildungsmanagements (EXAM). Hier erhalten Unternehmen aktive Unterstützung vom Berufsbildmarketing über die Gewinnung von Auszubildenden bis zur überbetrieblichen Ausbildung. Hier ist beispielsweise das Institut für Kunststoffwirtschaft OWL (ikuowl) aktiv.

m&w: Welche zukunftsorientierten und nachhaltigen Neuerungen bzw. Entwicklungen treiben die Kunststofftechnik und deren Anwendungen derzeit voran?

Carsten Kießler: Hier möchte ich meinen Kollegen Prof. Dr. Christoph Bart von der Technischen Hochschule OWL anführen: Da sind zum Beispiel die Hochleistungskunststoffe für die E-Mobility zu nennen. Aber auch die Steigerung der Einsatzfähigkeit von Biopolymeren ist ein wichtiges Thema. Ebenso die Suche nach einem Ersatz von petrobasierten Kunststoffen in Verbindung mit dem Druck, jetzt tatsächliche Wiederverwertungsstrategien zu entwickeln und nicht länger auf billige Entsorgung in Asien vertrauen zu können. Positiv ist zudem der enorme Zeitvorsprung für Einzelteile und Prototypen durch die additive und digitalisierte Fertigung. Nicht zuletzt ist die Branche von dem nicht immer nachvollziehbaren Druck nach Digitalisierung und Vernetzung geprägt.

m&w: Das Institut für Kunststoffwirtschaft ist ein wichtiger Partner für Unternehmen in der Region, wenn es um die Qualifizierung und Ausbildung von Mitarbeitern geht. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen aktuell in den Unternehmen und wo können Sie unterstützen?

Carsten Kießler: Für das typisch mittelständische kunststoffverarbeitende Unternehmen wird es zunehmend anspruchsvoller, allen Anforderungen an eine zeitgemäße Ausbildung gerecht zu werden. Das hat sich bereits mit der Änderung der Ausbildungsordnung im Jahr 2012 gezeigt. Die Vorbereitung auf den Teil der gestreckten Abschlussprüfung und deren Durchführung ist mittlerweile unser umfangreichstes und am stärksten nachgefragtes Seminarangebot.
Das liegt im Wesentlichen darin begründet, das viele Unternehmen nicht über die Voraussetzungen verfügen, alle geforderten Prüfungsinhalte vollumfänglich zu vermitteln. Hier unterstützen wir gerne, denn das ist in unseren Augen die Aufgabe einer überbetrieblichen Ausbildungsstätte. Dieses Prinzip ist allerdings in der Industrie – anders als im Handwerk – noch nicht so etabliert.
Aktuelle Entwicklungen hinsichtlich Themen wie Digitalisierung oder additive Fertigung werden in naher Zukunft für weiteren Unterstützungsbedarf bei ausbildenden Unternehmen sorgen.

m&w: Wie wichtig ist die KUTENO für die kunststoffverarbeitende Industrie in der Region?

Carsten Kießler: Die Kunststoffindustrie ist – trotz Imageverlust – mit rund 18.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von etwa 3,2 Milliarden Euro eine der TOP-5 Wachstumsbranchen in ganz Ostwestfalen-Lippe. Allein im Kreis Lippe erwirtschaften knapp 140 Betriebe einen Jahresumsatz von über 750 Millionen Euro und bilden damit die zweitwichtigste lippische Industriebranche. Als typische Zulieferindustrie bestehen im kunststoffverarbeitenden Gewerbe vor allem Schnittstellen zur Automobil-, Möbel und Elektroindustrie. Werden diese Zulieferer mit einbezogen, belegt OWL den dritten Rang unter den Kunststoffzentren in ganz Deutschland.
Die Etablierung der KUTENO als regionale Zuliefermesse für die gesamte Prozesskette der kunststoffverarbeitenden Industrie wurde von unseren Kunden und Partnern sehr positiv aufgenommen. Wir selbst werden zum dritten Mal in Folge mit einem Stand auf der Messe vertreten sein. Die KUTENO ist aus meiner Sicht die folgerichtige und längst überfällige Reaktion auf die Bedeutung der Branche für die Region.

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