Interview: „Veränderung ist die wahre Chance“

Günter Korder: „Die Bereitschaft, sich selbst kannibalisieren zu wollen und sich dabei selbst neu zu erfinden, ist eine gute Voraussetzung für ein zukunftsfähiges, robustes Geschäft.“ Foto: it´s OWL

Unternehmen müssen sich heute vielen Veränderungen stellen, wenn sie ihre Marktpräsenz erhalten wollen. Das ist nicht immer einfach und erfordert höchste Anstrengungen. Chancen sieht Günter Korder, Geschäftsführer it´s OWL Clustermanagement GmbH, in Kooperationen mit Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen.

Der digitale Wandel ist auch für Unternehmen in Deutschland eine der größten Herausforderungen. Durch neue Player und disruptive Geschäftsmodelle werden die Karten neu gemischt und neue Mitwerber aus Asien und den USA bedrohen mit ihren Innovationen die eigenen Geschäfte. Hier ist schnelles Handeln gefragt. Sind regionale KMU in der Lage, dieses Tempo mitzugehen?

Günter Korder: Am Beispiel des Spitzenclusters it´s OWL sieht man, dass durch Kooperationen zwischen größeren Unternehmen und KMUs unter enger Einbeziehung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen alle Beteiligten an Innovationsgeschwindigkeit gewinnen. Dazu bedarf es allerdings einer neuen ‚Nähe‘ zwischen den Protagonisten. Mit dem dann erreichbaren Wissens- und Innovationszuwachs können Verbünde von kleinen und mittleren Unternehmen durchaus mithalten – wenn nicht gar große (und häufig starrere) Unternehmen herausfordern.

Ist genügend Potential da, sich neu zu erfinden?

Günter Korder: Die Frage stellt sich eigentlich gar nicht. Im Mittelstand ist oft der Gründer bzw. Inhaber stark involviert und hat häufig über einen langen Zeitraum diverse Innovationszyklen und starke Veränderungen zu managen gehabt. Die nun vorhandene Dynamik ist allerdings schon eine Herausforderung, insbesondere wenn viele Know-how-Träger im Bestandsgeschäft gebunden sind und damit für die Gestaltung der Zukunft nur bedingt mitwirken können. Auch hier sind neue Kooperationen zwischen Unternehmen der sogenannten Peer Group ein sehr gutes Mittel, um vorwettbewerblich Dynamik zu befeuern. Fraglos hat mittlerweile der deutlich überwiegende Teil auch alt eingesessener KMUs die Notwendigkeit zur schnellen Veränderung erkannt. Wir als Technologie-Netzwerk tragen dazu bei, die richtigen Know-how-Träger auch über Unternehmens- und Institutionsgrenzen hinweg zusammenzubringen und den Unternehmen damit zusätzliche Impulse für neue Produkte und Services, aber auch für neue Geschäftsmodelle zu liefern. Die Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Startups sind hier ein interessanter Talentpool mit oft neuen Ideen und der Lust am Liefern von Störimpulsen für die eher reifen Unternehmen.

Wie müssen sich regionale KMU auf die neuen Technologien und die neuen Wettbewerber einstellen, wenn sie nicht zurückfallen wollen?

Günter Korder: Perspektivisch kann eigentlich kein Player mehr alles Wissen selbst vorhalten oder zumindest nicht à jour halten. Hier gilt es, klug zu partnern. Eigentlich ist vor allem wichtig, sich Zugang zu relevantem und neuestem Wissen zu organisieren, statt es unbedingt selbst vollständig ‚besitzen‘ zu wollen. Hier bieten wir als Spitzencluster den Unternehmen einen Mehrwert, da wir gemeinsam neue Technologiefelder wie beispielsweise Künstliche Intelligenz, Plattformen oder digitaler Zwilling erschließen. Die Bereitschaft, sich selbst kannibalisieren zu wollen und sich dabei selbst neu zu erfinden, sind eine gute Voraussetzung für ein zukunftsfähiges, robustes Geschäft. Verteidigen alter Pfründe dafür umso weniger – zumindest ist dies unsere Erfahrung.

 Was müssen Unternehmen konkret tun?

Günter Korder: Zuerst anerkennen, dass Veränderung die wahre Chance ist. Klingt banal, ist aber gerade bei aktuell sehr erfolgreichen Unternehmen nicht automatisch der Fall. Für Deutschland liegt die Chance auch für KMUs in der engen Kooperation mit Partnern auch aus der Wissenschaft. it´s OWL bietet dabei Zugang zu Basistechnologien, Lösungsmuster und Software in neuen Technologiefeldern, und natürlich auch zu Experten und Partnern in Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Über ein innovatives Transferkonzept, das bereits mehrfach ausgezeichnet und in anderen Regionen kopiert wurde, können KMU neue Technologien nutzen, um konkrete Herausforderungen zu lösen. So haben sie an Innovationsgeschwindigkeit gewonnen und unmittelbaren Zugang zu neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft erhalten. Mit unseren Transfergutscheinen können KMU dafür einen Zuschuss des Landes NRW von bis zu 60.000 Euro erhalten – und das schnell und unbürokratisch. Dieser Ansatz ist ein Erfolgsmodell für die Unternehmen und Wissenschaftler.

 Welche Bedeutung haben Forschung und Entwicklung, um die Marktchancen von morgen zu sichern?

Günter Korder: Vor dem Hintergrund schneller Innovationszyklen ist Forschung und Entwicklung in Kooperation mit Forschungseinrichtungen und anderen Unternehmen der entscheidende Erfolgsfaktor. Dafür muss sowohl auf Seiten der Unternehmen auch der Wissenschaft noch mehr Bereitschaft bestehen, sich solcher Themen anzunehmen und in kleinen und effizienten Projekten arbeiten zu wollen.

 Welche Bedeutung haben zum Beispiel „Smart Services“ oder „Solution Selling“?

Günter Korder: Da Kunden verstärkt nach Lösungen aus einer Hand (bestehend aus Produkt, Software und Service) fragen, müssen sich praktisch alle Unternehmen darauf einstellen. Wenn es Unternehmen gelingt, ihr Wissen z.B. um die Hauptherausforderungen ihrer Kunden in Gesamtlösungen zu verpacken, dann wird ein Wettbewerbsvorteil daraus. Und der ist durch neue Anbieter im Markt nur schwer zu kopieren. Hier kann man viel von der IT-Industrie lernen, die das seit rund zehn Jahren erfolgreich betreibt. Statt Produkte zu verkaufen, werden Managed Services und Service Level Agreements vertrieben, die die Einstiegshürden für neue Marktbegleiter deutlich erhöhen. Allerdings muss ein Unternehmen dann auch seine Fähigkeiten entsprechend erweitern und zum Beispiel das Know-how ergänzen.

 Können Sie ein Beispiel für ein erfolgreiches Projekt nennen?

Intelligente, digitale Knetmaschine: Das Rietberger Unternehmen WP Kemper hat in Kooperation mit der Fachhochschule Bielefeld und dem Heinz Nixdorf Institut eine Teigknet-Maschine entwickelt, die in der Lage ist, den Teig zu fühlen und zu kneten wie ein Bäcker.
Foto: WP Kemper

Günter Korder: Viele Erfolgsgeschichten zeigen, wie Unternehmen durch Projekte und Kooperationen im Spitzencluster it´s OWL ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern und neue Produkte und Services entwickeln.

Wie beispielsweise das Rietberger Unternehmen WP Kemper, das seit mehr als 100 Jahren Maschinen und Anlagen für Bäckereien baut, installiert und betreut – für handwerkliche Betriebe ebenso wie für industrielle Produktionen. In einem it´s OWL- Projekt hat das Unternehmen gemeinsam mit dem Heinz Nixdorf Institut und der Fachhochschule Bielefeld eine Teigknet-Maschine entwickelt, die den Teig fühlt und knetet wie ein Bäcker. Dafür wurde auf Basis von Analysen und Simulationen eine Sensorik entwickelt, die den Teigzustand während des Knetens kontinuierlich ermittelt und bewertet. Über eine intelligente Steuerung wird das Expertenwissen erfahrener Bäcker nutzbar gemacht.
Auf Basis dieser Ergebnisse ist die neue Knetmaschine ‚KRONOS digital‘ entstanden. Diese beendet eigenständig den Knetprozess zum optimalen Zeitpunkt und garantiert damit Teige in reproduzierbarer Teigqualität. Als Bestandteil der Kooperation KROMix zwischen WP Kemper und Zeppelin Systems verbindet der neue Kneter das Chargenkneten mit kontinuierlichem Kneten und dem Dosieren. Mit der Innovation besteht für das Unternehmen die Möglichkeit, neue Märkte in Afrika, Asien und Südamerika zu erschließen, in denen eine hohe Nachfrage nach Backwaren besteht und wenig qualifizierte Bäcker zur Verfügung stehen. Für diese Innovation hat WP Kemper 2018 die iba trophy erhalten, den begehrten Innovationspreis der international führenden Weltmesse für das Bäckerhandwerk, der nur alle drei Jahre vergeben wird.

Weitere Informationen: www.its-owl.de