Interview R.I.F.E.L.

„Die Kompetenzen sind oft nur schwach ausgeprägt“

In der Messe- und Eventbranche ist ein wachsendes Sicherheitsbewusstsein und eine intensivere Beschäftigung mit sicherheitsrelevanten Fragestellungen zu erkennen. Vor dem Hintergrund der erhöhten Sensibilität der Besucher wächst auch deren Verständnis für Sicherheitsvorkehrungen und -kontrollen. Prof. Dr. Cornelia Zanger, Lehrstuhl Marketing und Handelsbetriebslehre an der TU Chemnitz und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Research Institute for Exhibition and Live-Communication (R.I.F.E.L.), über die aktuellen Herausforderungen der Branche und die Notwendigkeit von Schulungen und Weiterbildungen. 

Univ.-Prof. Dr. Cornelia Zanger

Univ.-Prof. Dr. Cornelia Zanger, Lehrstuhl Marketing und Handelsbetriebslehre an der TU Chemnitz und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des R.I.F.E.L. Foto: R.I.F.E.L.

Der FAMAB und das R.I.F.E.L. haben aktuell eine Trendstudie zum Thema Veranstaltungssicherheit veröffentlicht. Warum bestand die Notwendigkeit, sich gerade mit diesem Thema auch wissenschaftlich zu beschäftigen?
Dr. Cornelia Zanger: In jüngster Vergangenheit hat das Thema Eventsicherheit spürbar an Bedeutung gewonnen. Ursächlich dafür ist zum einen die steigende Zahl von Vorfällen auf Großveranstaltungen in den vergangenen Jahren, die zu einer stärkeren Aufmerksamkeit gegenüber Sicherheitsfragen im Eventmanagement geführt haben. Zum anderen bedingt die zunehmende gesellschaftliche Sensibilität gegenüber dem Thema Sicherheit im Allgemeinen diesen Bedeutungszuwachs. Seit einigen Jahren sind gesellschaftliche Diskurse in diversen Bereichen immer stärker von Sicherheitsthemen geprägt.

Die daraus hervorgehenden Anforderungen des Gesetzgebers und die gesellschaftlichen Erwartungen an Sicherheitskonzepte von Veranstaltungen erfordern heute und zukünftig eine intensive Auseinandersetzung mit allen Aspekten der Eventsicherheit. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich vor allem die Frage nach den Möglichkeiten zur Förderung der branchenweiten Aufmerksamkeit gegenüber der Sicherheit im Eventmanagement. Obwohl Veranstalter als auch Agenturen die gemeinsame Verantwortung für die Konzeption und Umsetzung resilienter Sicherheitskonzepte auf Veranstaltungen tragen, sind das Bewusstsein und die Kompetenzen im Bereich Eventsicherheit oft nur schwach ausgeprägt. Die Studie deckt in diesem Zusammenhang zentrale Entwicklungen in der Eventsicherheit sowie Potentiale und Handlungsfelder für Agenturen und Veranstalter auf.

Experten beklagen: Sicherheitsrisiken bei Veranstaltungen werden oft unterschätzt. Manche behaupten sogar, viele Veranstaltungen sind als unsicher bis rechtswidrig einzustufen. Wo liegen die Wissens- und Handlungsdefizite der Akteure?
Dr. Cornelia Zanger: Die Erstellung und Realisierung von Sicherheitskonzepten erfordert die Kenntnis und Umsetzung einer Vielzahl relevanter Rechtsvorschriften. Die „Navigation“ durch jene Vorschriften sowie deren Übersetzung in konkrete Handlungsmaßnahmen erfordern nicht nur strukturiertes Wissen, sondern auch eine umfassende Praxiserfahrung mit Sicherheitskonzepten. Aufgrund der Neuartigkeit des Themas fehlt es den Akteuren der Branche heute häufig noch an Erfahrung mit der Umsetzung von Sicherheitskonzepten. In einem ersten Schritt wird es für die Branche nun wichtig, vorhandene Vorschriften zu strukturieren und Checklisten zu erstellen sowie Best-Practices für die Umsetzung konkreter Maßnahmen zu entwickeln.

Bei Veranstaltungen welcher Größenordnung gibt es besonders große Defizite?
Dr. Cornelia Zanger: Allgemeingültige Aussagen mit Blick auf die Größe bzw. Teilnehmerzahl von Veranstaltungen lassen sich nur schwer formulieren. Sicherheitsrisiken bestehen unabhängig von der Veranstaltungsgröße und erfordern im Einzelfall stets eine veranstaltungsspezifische Risikobewertung und Umsetzung von Maßnahmen zur Gewährleistung der Teilnehmersicherheit.

Wie gut ist die Branche auf den Ernstfall hinsichtlich Brandschutz, Räumung, Erste Hilfe etc. vorbereitet?
Dr. Cornelia Zanger: Im Zusammenhang mit dieser Frage muss grundsätzlich nach der Art der Location bzw. des Veranstaltungsortes sowie des Veranstaltungsformates unterschieden werden. Umgebungen, die speziell zur Durchführung von Großveranstaltungen konzipiert sind, verfügen in der Regel über detaillierte und robuste sowie veranstaltungsübergreifende Sicherheitskonzepte. Insbesondere Veranstaltungen in dauerhaften Bauten, wie beispielsweise auf Messegeländen, in Arenen, in Konzerthäusern und in dedizierten Event-Locations, kennzeichnen sich häufig durch einen wiederkehrenden Charakter, sodass sich Sicherheitskonzepte kontinuierlich erweitern und verbessern lassen. Architektonische und planerische Möglichkeiten können hier ausgeschöpft werden, um die notwendige Sicherheitsinfrastruktur zu schaffen. Demgegenüber finden Veranstaltungen aufgrund des Trends zur Erlebnisorientierung zunehmend auch in außergewöhnlichen und zum Teil überraschenden Umgebungen, oft im Freien, statt. Veranstaltungen dieser Art weisen oft einen einmaligen Charakter auf. Eine spezifische Sicherheitsinfrastruktur ist oft nicht vorhanden und muss unter großem Aufwand aufgebaut werden. Die Konzeption und Umsetzung gelungener Sicherheitskonzepte gehen vor diesem Hintergrund häufig mit großen Herausforderungen einher, insbesondere weil Veranstaltungen im Freien regelmäßig noch zusätzliche Sicherheitsrisiken (z.B. Wettereinflüsse und Unwetterphänomene) bergen. Zum Teil sind deshalb gerade bei Veranstaltungen dieser Formate Potentiale im Hinblick auf die Eventsicherheit zu beobachten.

Wie sieht es mit den rechtlichen Vorgaben aus? Sind diese eventuell nicht eindeutig genug? Wo besteht Verbesserungs-, / Kommunikationsbedarf, um die Verantwortlichkeiten genauer zu definieren?
Dr. Cornelia Zanger: Für die sichere Durchführung von Veranstaltungen liegt grundlegend ein umfangreicher rechtlicher Rahmen vor. Gerade die Vielzahl an Gesetzen, Verordnungen und Normen sowie fehlende Transparenz erschweren jedoch den Umgang mit Themen der Veranstaltungssicherheit. Hinzu kommen oftmals regionale oder uneinheitliche Bestimmungen sowie Ermessensspielräume bei der Auslegung von Gesetzen. Dieser „Gesetzesdschungel“ kann letztlich sogar dazu führen, dass Sicherheitsvorschriften ignoriert oder bewusst umgangen werden, um Zeit und Kosten zu sparen. Hilfreich können hier beispielweise Schulungen und Weiterbildungen sein, die den Umgang mit rechtlichen Vorgaben thematisieren und Veranstalter und Agenturen in die Lage versetzen, Gesetze und Vorschriften richtig anzuwenden und bereits im Planungsprozess berücksichtigen. Auch die Unterstützung von externen Beratern ist in spezifischen Fällen zu empfehlen.

Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer FAMAB

Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer FAMAB und Schatzmeister des R.I.F.E.L.: „Wir sensibilisieren die Branche.“ Foto: FAMAB

In jedem Fall sollte in der Branche eine neue Sicherheitskultur verankert werden, die gemeinsame Ziele, Normen und Werte für den Umgang mit Sicherheitsfragen definiert und kommuniziert.

Da sich die entsprechenden (Sicherheits-) Rahmenbedingungen fortlaufend ändern, sind alle Akteure gefordert, ihr Wissen regelmäßig aufzufrischen und zu erweitern. Welchen Beitrag kann Ihr Verband dazu einbringen?
Jan Kalbfleisch: Wir als FAMAB halten unsere Mitglieder permanent informiert und sensibilisieren die Branche. Zusätzlich haben unsere Mitglieder auf unterschiedlichen Ebenen die Möglichkeit, sich zum Thema Veranstaltungssicherheit weiterzubilden und – meist noch wichtiger – mit anderen auszutauschen. Sicherheit muss in die Köpfe sehr vieler unterschiedlicher Menschen, um wirklich präsent zu sein. Unter anderem deswegen haben wir gemeinsam mit Vertretern der TU Chemnitz das R.I.F.E.L. gegründet. Hier werden Themen erkannt, interdisziplinär bearbeitet, professionell aufbereitet und der Branche zur Verfügung gestellt. Wer Themen oder Interesse an einer Mitarbeit hat, darf sich gerne bei uns melden. Wir haben noch viel vor.