„Innovation entsteht in der Dichte, wenn Menschen zusammenkommen“

Dominik Gross, Geschäftsführer der Founders Foundation: „Wir müssen jeden Tag Brücken bauen, Vernetzung ermöglichen und gemeinsam Potenziale entwickeln.“

Interview zur regionalen Innovationskultur:

Die Startup-Szene hat sich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Wie die Innovationskultur in der Region aussieht und wo der Handlungsbedarf am größten ist, erklärt Dominik Gross, Geschäftsführer der Founders Foundation Bielefeld.

 

m&w: Der erste von der Founders Foundation durchgeführte Startup-Ökosystem Report für Ostwestfalen-Lippe kommt zu dem Ergebnis, dass der Wandel zu einer dynamischen und zukunftsorientierten Innovationskultur in der Region spürbar ist. Woran lässt sich das konkret festmachen?

Dominik Gross: Innovation heißt, dass Neues auch umgesetzt wird. Tech-Startups und ihre Gründerinnen und Gründer sind daher ein guter Gradmesser für eine zukunftsorientierte Innovationskultur. In der Region nimmt die Anzahl der Startups zu, aktuell sind es über 120. Und auch die einzelnen Startups befinden sich auf Wachstumskurs: Mittlerweile haben die Gründer und Gründerinnen mehr als 1.200 Arbeitsplätze in unserer Region geschaffen. Auch in etablierten und bekannten Unternehmen ist das spürbar: Melitta gründet einen 10x Inkubator und kauft das Startup Roastmarket, Miele baut eine New Growth Factory in Gütersloh, Dr. Oetker hat den Fond be8 aufgesetzt und das Startup Flaschenpost gekauft und das Startup Schüttflix aus der Hagedorn Unternehmensgruppe sammelt Millionen-Investments ein – um nur einige Beispiele zu nennen.


m&w: Wie sieht die Innovationskultur heute aus?

Dominik Gross: Für uns zeichnet sich eine Innovationskultur durch die Dichte der Akteure aus, die zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu bewegen, die Masse an verfügbarem Kapital und das Entstehen einer Infrastruktur. Hier sehen wir insgesamt eine positive Entwicklung. Einerseits wird der unfair Advantage der Region genutzt, der Zugang zu den starken und diversen Wirtschaftsclustern. Startups mit einem B2B-Fokus haben hier einfach gute Grundvoraussetzungen, weil potentielle Kunden, aber auch das Fach- und Marktwissen direkt vor der Tür liegen. Andererseits ist die gute Infrastruktur hervorzuheben. So entwickeln sich zum Beispiel die Angebote für Hochschulausgründungen weiter und Orte wie der Pioneers Club in Bielefeld sind ein Magnet für Innovatoren.

 

m&w: Überspitzt gefragt: Sind Innovationen im Tech-Bereich ohne Kooperationen mit Startups überhaupt möglich?

Dominik Gross: Innovation erfordert Schnelligkeit. Die Frage ist also, ob Unternehmen es eigenständig schaffen, neben ihrem Kerngeschäft ihre Prozesse anzupassen, Mitarbeiter weiterzubilden und neue Geschäftsfelder aufzubauen. Ein positives Beispiel aus der Region ist das Unternehmen Dr. Oetker und der Erwerb des Startups Flaschenpost. Startups haben den Luxus, auch unkonventionelle und vielleicht unpopuläre Schritte zu gehen. In Bezug auf die Geschwindigkeit, die Talente und eine pragmatische Herangehensweise ist die Zusammenarbeit mit Startups am Ende unerlässlich für die Zukunftssicherung von Unternehmen.

 

m&w: Im Hinblick auf Investitionen in Startups ist noch Luft nach oben. Gibt es Gründe für die Zurückhaltung von Wagniskapitalgebern in unserer Region?

Dominik Gross: Aus der ersten Generation an Startups aus den 2000er Jahren haben sich mittlerweile Unternehmen mit Substanz entwickelt: DeliveryHero und HelloFresh sind heute im DAX40, eine Entwicklung, die wir in der Zukunft öfter sehen werden. Viele Geldgeber sind in München und Berlin ansässig und investieren in das bekannte Ökosystem vor Ort. Zum anderen sind bisher circa zwei Drittel der regionalen Startups in der Seed-Phase, was in der Regel noch zu früh für große institutionelle Geldgeber ist. Naturgemäß wird sich dies ändern, umso reifer die Startups, ihre Produkte und damit unser Ökosystem werden. Vielversprechende Beispiele sind die Unternehmen Schüttflix mit einem Millioneninvestment aus Großbritannien oder unser Alumni-Startup Valuedesk, das den renommierten VC-Fonds UVC Partners aus München für sich gewinnen konnte.

 

m&w: Was muss noch verbessert werden?

Dominik Gross: Der Ausbau der Schnittstelle zwischen Mittelstand und Startups ist für unsere Region enorm wichtig und ist heute schon eines unserer Alleinstellungsmerkmale! OWL ist das Herz des deutschen Mittelstands und als solches müssen wir unsere Innovationskraft noch mehr in innovativen Geschäftsmodellen bündeln. Viele Formate in der Region bieten bereits gute Ansätze, die alte und die neue Industrie zusammenzubringen – wie unsere jährliche Tech-Konferenz Hinterland of Things. Darüber müssen wir weitere Angebote für Startups schaffen, die sich in einer späteren Wachstumsphase befinden. Dies und ein starkes regionales Profil erhöhen die Chancen auf eine Folge-Finanzierung.

 

m&w: Der Report zieht eine positive Bilanz im Hinblick auf die Aktivitäten zum Ausbau des Tech-Ökosystems, verweist aber auch auf weiteren Handlungsbedarf, um in die nächste Wachstumsphase zu gelangen. Gibt es hier eine Roadmap hinsichtlich der nächsten Schritte?

Dominik Gross: Unsere Aufgabe ist es, unser regionales Startup-Ökosystem stärker auf der internationalen Landkarte sichtbar zu machen. Das muss jetzt der Fokus sein. Das schaffen wir durch Erfolgsgeschichten regionaler Startups, durch ein starkes Profil als Wirtschaftsmotor mit international bekannten Marken und Hidden Champions und indem wir eine offene Innovationskultur leben und uns immer wieder Menschen und damit Inspiration von außen holen. Innovation entsteht in der Dichte, wenn Menschen zusammenkommen. Unsere Region hat heute bereits viel zu bieten. Deshalb muss es unsere gemeinsame Devise sein, diesen Standort noch attraktiver zu gestalten.

 

m&w: Die Studie „Mittelstand meets Startup“ des RKW Kompetenzzentrums zeigt, dass weitere Anstrengungen zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Mittelstand und Startups notwendig sind. Lässt sich diese Feststellung für unsere Region bestätigen?

Dominik Gross: Ja. In unserer Region ist zwar ein Anstieg der Initiativen zu beobachten: Die größeren mittelständischen Unternehmen bauen eigene Venture-Einheiten auf, investieren über ihre Corporate Venture Capital Fonds und akquirieren vermehrt Startups. Diese Unternehmen haben die strategischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, die für sie in der Zusammenarbeit mit Startups liegen, erkannt. Allerdings sprechen wir hier von Vorreitern. Denn die Zurückhaltung ist nach wie vor groß. Gemessen an unserem Potenzial sind wir noch am Anfang und bewegen uns in viel zu kleinen Schritten. Der Austausch muss viel transparenter und langfristig die Dichte der Startups erhöht werden.

 

m&w: Welche Möglichkeiten gibt es, um mehr Sichtbarkeit für erfolgreiche Kooperationen zu erzielen?

Dominik Gross: Die Hinterland of Things ist hierfür das perfekte Beispiel: Wir bieten eine Plattform für den Austausch zwischen B2B-Startup-Gründern, Familienunternehmern und Investoren und holen für einen Tag die spannendsten Gesichter aus der deutschen Startup-Szene nach Bielefeld. 1.500 ausgewählte Vertreter treffen dabei aufeinander und tauschen sich in einem familiären Umfeld aus – dadurch entsteht eine hohe Innovationsdichte. Innerhalb eines Tages entwickeln sich unzählige wertvolle Kontakte, inspirierende Kooperationen und handfeste Deals. Wir sind davon überzeugt, dass die Sichtbarkeit die logische Konsequenz ist, wenn es Erfolgsgeschichten zu erzählen gibt. Wir müssen also an der Substanz arbeiten, diese Kooperationen zu ermöglichen und dann natürlich die Geschichten gemeinsam erzählen.


m&w: Gibt es Beispiele, die zeigen, dass aus den Kooperationen neue Produkte
oder Geschäftsmodelle entstanden sind?

Dominik Gross: Absolut. Da ist zum Beispiel das Startup Roastmarket zu nennen, das von Melitta gekauft wurde oder auch Flaschenpost, eine Akquise von Dr. Oetker. Auch bekannt ist Schüttflix das u. a. durch die Unterstützung des Familienunternehmers Thomas Hagedorn durchstarten konnte. Greifbare Erfolgsgeschichten, direkt hier vor unserer Haustür.

 

m&w: Was unternehmen Sie, um Startups und etablierte Unternehmen zusammenzubringen?

Dominik Gross: Vernetzung beziehungsweise der Aufbau einer Community ist der Kern unserer täglichen Arbeit. Wir glauben: Offene Ökosysteme werden in Zukunft die Grundvoraussetzung für Innovation sein. Deshalb ist es wichtig, jeden Tag Brücken zu bauen, Vernetzung zu ermöglichen und Potenziale gemeinsam zu entwickeln. Unser Leuchtturm ist dabei unsere jährliche Hinterland of Things Konferenz, die am 1. Juni wieder stattfinden wird.

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