Hinterland of Things 2022: Beziehungen wachsen lassen

Die Hinterland of Things-Konferenz 2022: Mittelständler, Startups und Investoren sind wieder zusammengekommen, um das Unternehmertum zu feiern. (Alle Fotos: Urheber mawi)

Mittelständler, Startups und Investoren sind wieder zusammengekommen, um zu diskutieren, interagieren und Brücken zu bauen. Im Bielefelder Lokschuppen wurde auf der Hinterland of Things-Konferenz das Unternehmertum gefeiert. 

Kerstin Hochmüller ist zufrieden. Gerade hat sie die Masterclass zum Thema Digitalisierung und Transformation auf der Hinterland of Things durchgeführt. Das Veranstaltungsformat, auf der junge Startups und etablierte Unternehmen einmal jährlich zusammenkommen, begeistert sie immer wieder. Die Unternehmerin und Geschäftsführerin der Marantec Company Group ist eine Macherin und sie lebt das, wovon sie spricht und sie weiß, dass ohne Wandel der Mittelstand keine Zukunft hat.  Seit gut neun Jahren leitet sie das Familienunternehmen, das Antriebs- und Steuerungssysteme entwickelt. In den letzten Jahren hat sie den mittelständischen Betrieb umgekrempelt und im wahrsten Sinne des Wortes gestaltet, vorhandene Strukturen aufgebrochen und den Betrieb schneller, digitaler und agiler gemacht.

Sie sieht den Wandel, in dem wir uns befinden, als riesige Chance.

„Diese rasanten und schnellen technologischen Veränderungen zwingen zum Handeln. Das setzt Kräfte frei und motiviert“, erklärt Hochmüller und das gelingt nur, „wenn wir gemeinsam diese Herausforderungen angehen. Die Transformation lebt von der Weisheit von vielen, Kräfte müssen gebündelt werden und gemeinsam können wir etwas bewegen. Das erreichen wir nur mit den Menschen, sie müssen diesen Prozess gestalten“, ist die Unternehmerin überzeugt.

„Wir sind in dem, was wir tun, gut. Für das andere müssen wir kooperieren und von anderen lernen“, sagt Kerstin Hochmüller und das meint sie ernst. Deshalb setzt sie seit Langem auf Netzwerke und Kooperationen, seit einigen Jahren sucht sie die Nähe zu Startups, ist von deren Mindset und Herangehensweise inspiriert und initiiert gemeinsame Projekte – mit Erfolg.

Eine Brücke zwischen etablierten und jungen Unternehmen zu schlagen und gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten, ist auch das Motto der diesjährigen Hinterland of Things, zu der gut 1.500 Besucherinnen und Besucher in den Lokschuppen nach Bielefeld gekommen sind. Etwa die Hälfte ist in der Region ansässig, viele sind aus Berlin ins „Hinterland“ gereist, etwa zehn Prozent sind mittlerweile internationale Gäste. Viele bekannte Gesichter aus der Startup-Szene und namhafte Mittelständler nutzen das Format zum Austausch und zur Inspiration. Der ideale Boden, um Beziehungen wachsen zu lassen, wie Dominik Gross, Veranstalter und Geschäftsführer der Founders Foundation, den „family-& friends-Charakter“ beschreibt.

„Wir kommen nicht umhin, nach dem Gemeinsamen zu suchen und zu kooperieren“, weiß Dominik Gross.

Dass sich schon einige Mittelständler in der Region auf den Weg gemacht und nach neuen Impulsen gesucht haben, um Transformationsprozesse mit jungen Startups weiter voranzutreiben, zeigt die Hinterland of Things. 

Der Landmaschinenhersteller Claas bewegt sich seit Langem erfolgreich in der Startup-Szene. Es sei die Agilität und die andere Herangehensweise, was die Kooperation so fruchtbar mache.

„Wir glauben, dass die Zusammenarbeit mit Startups ein wichtiger Schlüssel ist, um unsere Position als ein Technologieführer in der Landmaschinenindustrie auszubauen“, erklärt Patrick Kück, CLAAS Senior Vice President Strategy & Corporate Development.

Es ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Die Landwirtschaft befinde sich in einem grundlegenden Wandel hin zu mehr Digitalisierung und mehr Nachhaltigkeit. Das erfordere neue Ideen und innovative Ansätze, wie zum Beispiel bei der Bedienung und Überwachung der immer komplexer und intelligenter werdenden Landmaschinen. Wie so eine erfolgreiche Kooperation aussieht, zeigt sich direkt nebenan. Vis-a-vis steht ein beeindruckend großes Fahrzeug mit dem Namen „AgBot“, eine Entwicklung des Startups AGXEED. Die Harsewinkler haben im vergangenen Jahr eine Minderheitsbeteiligung an dem Unternehmen erworben und sind damit in den Markt für autonome Traktoren eingestiegen.

Das 2018 in den Niederlanden gegründete Startup entwickelt autonome Feldroboter, die die Landwirte bei den unterschiedlichsten Aufgaben unterstützen und gleichzeitig die Umwelt und den Boden schonen. Die Gründer bieten verschiedene Fahrzeugperipheriegeräte an, die sich mit den vorhandenen Maschinen des Landwirts verbinden lassen, wie Projektmanager Rienk Landstra erklärt.

Eine Partnerschaft eingegangen sind auch das Startup Schüttflix und der international tätige Baukonzern Strabag SE. Die erfolgsverwöhnten Gütersloher haben mit der Entwicklung der ersten und einzigen digitalen Plattform eine Möglichkeit geschaffen, Bauunternehmer, Schüttgut-Anbieter, Speditionen und Entsorger zu vernetzen. Damit haben sie für frischen Wind in der meist noch analogen Baubranche gesorgt.

„Uns ist es gelungen, mithilfe digitaler Prozesse Preistransparenz zu schaffen sowie schnelle und punktgenaue Lieferungen zu etablieren“, sagt Gründer und CEO Christian Hülsewig.

Zudem seien sie auch angetreten, die Branche nachhaltiger zu machen.
Vom digitalen Wegbereiter und Macher in Gütersloh war auch Klemens Haselsteiner begeistert, seit 2020 Konzernvorstand bei Strabag, wo der 41-Jährige das neue Ressort Digitalisierung, Unternehmensentwicklung und Innovation aufgebaut und eine konzernweite Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsstrategie umgesetzt hat. Er habe gezielt nach Investitionsmöglichkeiten in zukunftsweisende Geschäftsmodelle gesucht. Das Konzept von Schüttflix habe ihn überzeugt – weil es für sein Unternehmen einen Mehrwert schaffe und darüber hinaus die Baubranche nachhaltiger mache, erklärt der Österreicher. Das intelligente Tourenmanagement, das Einsparen von Emissionen, die Transparenz der Stoffströme – das seien entscheidende Kriterien auf die es heute ankomme. Für den Transformationsprozess habe er auf ein Team zurückgreifen können, dass sich mit guten Ideen eingebracht habe. „Wir brauchen keine Bedenkenträger, das bringt uns nicht weiter. Heute sind Mut zum Risiko und Freiraum gefragt“, so Klemens Haselsteiner, der die Zusammenarbeit mit den Westfalen lobt. Das sieht auch sein Gegenüber Christian Hülsewig so, der von einer Partnerschaft auf Augenhöhe spricht. 

Viel Lob für die Startup-Szene hat auch Christian Miele. Der Vorstandsvorsitzender des Startup-Verbandes mit Wurzeln in Gütersloh ist aus Berlin gekommen.

„Deutschland ist eine Startup-Nation geworden, wir haben unsere eigene Identität, sind unabhängig und haben sehr gute Möglichkeiten“, sagt Christian Miele, der mit Blick auf die Region das Potenzial der vielen erfolgreichen Startups hervorhebt.

Hier gebe es nicht nur die Besten des Mittelstands, sondern auch die Besten der Startup-Szene. „Schüttflix ist etwas ganz Großes“, lobt der Startup-Kenner.
Ähnlich äußert sich auch Verena Pausder, selbst erfolgreiche Gründerin und aus der Region stammend, die immer wieder gern zur Hinterland of Things aus Berlin anreist. Sie schätzt das Format, weil hier Menschen zusammenkommen, die bereit sind, etwas zu ändern:

„Hier konzentrieren sich unzählige Entrepreneurs und Innovationen. Das Potenzial ist riesig. Wir brauchen nicht das Silicon Valley kopieren. Wir schaffen es allein. Bielefeld ist the place to be“, mit diesen Worten geht es wieder zurück in die Hauptstadt.

Eine Äußerung, die an diesem Tag im Lokschuppen viele unterstreichen.  


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