„Energiewende geht voran – aber nicht so rasch wie gewünscht“

Mit einem sogenannten Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ beobachtet die Bundesregierung die Entwicklung der Energiewende. Eine unabhängige Kommission aus vier Energieexperten begleitet seit 2011 den Prozess und nimmt auf wissenschaftlicher Basis zu den jeweiligen Monitoring-Berichten Stellung. Im April hat das Bundeskabinett die Expertenkommission neu berufen – Vorsitzender ist Professor Dr. Andreas Löschel, Inhaber des Lehrstuhls für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik, an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Im Interview äußert er sich über die Energiewende, den Klimawandel in Deutschland und über die größten Herausforderungen.

Herr Professor Löschel, haben Sie den Eindruck, dass die Energiewende in Deutschland im Großen und Ganzen funktioniert?

Andreas Löschel ist Ökonom und Inhaber des Lehrstuhls für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik, an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Foto: WWU

Professor Dr. Andreas Löschel: Die Energiewende geht voran, in etlichen Feldern aber nicht so rasch wie gewünscht. Am erfreulichsten ist hierbei sicherlich der fortschreitende Ausbau der erneuerbaren Energien. Auch der Kernenergieausstieg konnte bisher ohne größere Probleme gemeistert werden. Die Energiewende erfreut sich weiterhin großer Unterstützung in der Bevölkerung. Es gibt aber weiterhin große Defizite etwa bei der Steigerung der Energieeffizienz, im Verkehrssektor und bei der Erreichung der Klimaschutzziele. Mit der jetzigen Dynamik werden die Energiewende-Ziele nicht erreicht werden.

 Was sind die größten „Baustellen“, die die Bundesregierung noch vor sich hat?

Professor Dr. Andreas Löschel: Die erneuerbaren Energien müssen rasch weiter ausgebaut und besser in den Strommarkt integriert werden. Es braucht zudem erhebliche Anstrengungen insbesondere im Verkehr und im Bausektor. Kohlekommission, Mobilitätskommission, Klimakabinett – es bewegt sich einiges. Wichtig für den weiteren Erfolg ist nun der richtige Rahmen für die Energiewende. Dazu braucht es eine umfassende Reform der Energiepreise: Meiner Meinung nach wäre es sinnvoll, die derzeitigen aufkommensneutralen Umlagen und Abgaben durch einen auf den Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) bezogenen Zuschlag zu ersetzen. Dies macht erneuerbare Energien wettbewerbsfähig und ermöglicht den Ersatz von fossilen Energien im Wärme- und Transportbereich.

Immerhin ist der Kohleausstieg beschlossene Sache. Was bedeutet das für die Energiewende?

Professor Dr. Andreas Löschel: Die einmütige Empfehlung der Kohle-Kommission für einen Kohleausstieg bis spätestens 2038 ist nicht weniger als eine historische Entscheidung. Allerdings ist sie teuer erkauft worden, mit umfangreichen Entschädigungen für alle Betroffenen. Die Politik ist nun in der Umsetzung der Empfehlungen gefragt. Der Monitoringprozess „Energie der Zukunft“ wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Neben der Überprüfung etwa der Entwicklung der Strompreise, von Versorgungssicherheit und CO2-Emissionen werden Fragen der regionalen Beschäftigung, strukturpolitischer Ziele und Maßnahmen und regionaler Wertschöpfung Berücksichtigung finden.

Kontext

Federführend beim Monitoring der Energiewende ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Der Monitoring-Bericht wird vom Bundeskabinett beschlossen und dem Deutschen Bundestag sowie dem Bundesrat zugeleitet. Eine unabhängige Kommission aus vier renommierten Energieexperten begleitet den Prozess und nimmt auf wissenschaftlicher Basis zu den jeweiligen Monitoring-Berichten Stellung. Der jährliche Monitoring-Bericht ist das Kernstück des Monitoring-Prozesses zur Energiewende. Er verdichtet die Vielzahl an verfügbaren energiestatistischen Informationen auf eine überschaubare Anzahl ausgewählter Kenngrößen und macht sie dadurch verständlich. Die Daten geben einen faktenbasierten Überblick über den Fortschritt bei der Umsetzung der Energiewende.