Digitalisierung: „Das Thema wird uns nicht mehr loslassen“

Deutschland, das Land der Ingenieure und für seine hohe Expertise in der Entwicklung von Produkten weltweit geschätzt: Was lange Zeit als besonderes Qualitätsmerkmal galt, reicht heute nicht mehr. Mit immenser Geschwindigkeit entstehen neue Technologien und stürzen bewährte Geschäftsmodelle in den Abgrund. Wer sich auf dem Markt behaupten will, muss handeln.

 

„Es ist noch nicht zu spät, wir sind noch nicht abgehängt. Ein Blick auf unsere Historie zeigt, dass wir in der Lage sind, wenn wir uns ernsthaft mit einem Thema beschäftigen, auch den gewünschten Erfolg zu erzielen“, sagt Dr. Dennis Kundisch.

Das klingt erst einmal beruhigend. Es soll jedoch nicht dazu verleiten, die Hände in den Schoss zu legen. Im Gegenteil: Der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Paderborn sieht nämlich angesichts des rasanten Tempos, mit dem sich die Märkte und damit auch die Geschäftsmodelle verändern, akuten Handlungsbedarf. Seine Botschaft ist eindeutig: Unternehmen, die weiterhin erfolgreich auf dem Markt Präsenz zeigen wollen, müssen sich mit den durch die Digitalisierung initiierten Entwicklungen auseinandersetzen und systematische Überlegungen zum eigenen Geschäftsmodellportfolio anstellen. Das sei eine große Herausforderung und wahrlich kein Spaziergang. Wer hoffe, die Welle werde in einigen Jahren an uns vorübergezogen sein, der irre gewaltig. „Das Thema wird uns nicht mehr loslassen. Ich kann Unternehmensverantwortlichen nur empfehlen, sich mit Freude diesen Herausforderungen zu stellen, die organisatorischen Strukturen zu überdenken, Routinen zu ändern, Silodenken aufzubrechen und alle Beschäftigten zu motivieren, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen“, so Kundisch.

Der Veränderungsprozess ist bereits in vollem Gange

Immer häufiger werden Produkte in Dienstleistungen umgewandelt oder zu vorhandenen Produkten zusätzliche Dienstleistungen angeboten, um dem Kunden ganzheitliche Lösung anzubieten. Wer hier weiterhin am Markt erfolgreich sein will, der muss das entsprechende Know-how mitbringen. Da reicht es häufig nicht mehr, Ingenieurs- und Informatikkompetenz, beide in der Region durchaus vorhanden, zu kombinieren. Es ist mehr vonnöten, um die Gunst der Kunden zu gewinnen bzw. zu erhalten. Zusätzlich kommt es entscheidend darauf an, die Fähigkeit zu besitzen, ein interessantes Angebot zu entwickeln, das als Dienstleistung daherkommt, oder, noch weitergedacht, als komplettes Geschäftsmodell vom Kunden am Ende auch nachgefragt wird.

„Das schaffen Informatiker und Ingenieure in der Regel nicht allein und das gelingt meistens auch nicht, wenn Fach- und IT-Abteilungen im Unternehmen nicht ausreichend miteinander sprechen. Geschweige denn, wenn die IT in den Unternehmen nur als reiner Kostenfaktor gesehen wird. IT gilt heute vielmehr als Werttreiber, als eine Abteilung, die entscheidend zur Wertschöpfung beiträgt und die deshalb auch eine Nähe zum Kunden und seine spezifischen Bedürfnisse haben muss“, plädiert Professor Kundisch für mehr Interdisziplinarität und die Aufgabe des auch heute immer noch anzutreffenden starren Silodenkens. Es gebe immer mehr Kunden, die nur die Online-Angebote eines Unternehmens nutzen und gar nicht offline beraten werden möchten. Sie erwarteten einen Multikanalzugang über die App und die Webseite, wünschten jedoch auch die Option, telefonisch Kontakt aufnehmen zu können. „All diese Möglichkeiten, über alle Kontaktpunkte hinweg zu integrieren und sinnvoll so auszuwerten, dass intern die richtigen Entscheidungen für den einzelnen Kunden getroffen werden können, das ist eine hohe Kunst“, so Dennis Kundisch. Das gelingt nur, wenn interdisziplinäre Teams ihre Köpfe zusammenstecken.

Die Region hat eine besondere Strahlkraft entwickelt

Der Wissenschaftler sieht die zukunftsweisenden Themen Digitalisierung und Geschäftsmodelle bei den Unternehmen angekommen. Das Technologie-Netzwerk it´s OWL habe hier in den letzten Jahren nicht nur viele wichtige Impulse gesetzt, sondern auch konkrete Projekte ins Leben gerufen. „Die Region hat mittlerweile eine besondere Strahlkraft entwickelt, die zahlreichen Aktivitäten haben Veränderungsprozesse angestoßen. Das heißt jedoch nicht, dass der organisatorische Wandel, der in jedem Unternehmen notwendig ist, von allein geschieht, sondern sehr viel Engagement verlangt“, betont Professor Kundisch. Kooperationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen seien ein Weg, um sich für die Zukunft aufzustellen. Eine weitere Möglichkeit sieht der Hochschulprofessor im Kontakt zu jungen Startups, die häufig in technologieorientierten Bereichen unterwegs und oftmals auch fit in der Nutzung von Anwendungen in Künstlicher Intelligenz (KI) sind. „In der garage33 und dem Technologietransfer- und Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn (TECUP) gelingt es regelmäßig, Startups und etablierte Unternehmen zusammenzubringen.“ „KI ist ein ganz wichtiges Zukunftsfeld, in dem noch weitere Investitionen notwendig sind“, sagt Professor Kundisch.

„Unternehmen in der Region haben die Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Allerdings müssen sie jetzt handeln.“

Auch bei anderen Themen hat die Universität frühzeitig auf Zukunftsthemen gesetzt. Die Einrichtung der ersten Wirtschaftsinformatik-Lehrstühle zum Wintersemester 1973/74 ist ein Beispiel dafür. Der damalige Diplomstudiengang Wirtschaftsinformatik, mittlerweile Bachelor und Master, blickt in diesem Jahr auf sein 30jähriges Bestehen. Mit heute fünf vollausgebauten Lehrstühlen gehört das Department Wirtschaftsinformatik an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Paderborn zu den größten in dieser Disziplin. Die damalige Intention der Hochschule, eine starke Verbindung von Ingenieurswissenschaften, Informatik und betriebswirtschaftlichen Anwendungen zu schaffen, hat sich aus heutiger Sicht als richtig erwiesen. Die Universität ist ein wichtiger Partner für die Wirtschaft, die permanente Nachfrage nach gut ausgebildeten IT-Fachkräften ist groß. „Unternehmen stehen Schlange, um mit den Studierenden in Kontakt zu treten und sie nach dem Studium für sich zu gewinnen“, weiß Dennis Kundisch.

Nicht zuletzt gilt die Hochschule aufgrund ihrer Ausrichtung auch als traditionsreicher Standort für die verschiedenen Facetten der Digitalisierung. Die enge Kooperation von Informatik, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftswissenschaften erweist sich als eine ideale Basis für gemeinsame Großprojekte wie den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereich „On The Fly Computing“. „Dieses Projekt ist ein Beleg dafür, wie gut die Zusammenarbeit funktioniert, zum gegenseitigen Nutzen und natürlich zum Nutzen für die Region und für viele Unternehmen. Aus solchen Großprojekten entstehen häufig auch Kooperationen mit Unternehmen, wo die Grundlagenforschung in anwendungsorientierte Forschung und damit auch zur Nutzung in der Praxis gebracht wird.“

Als Partner der Wirtschaft sieht sich auch der Software Innovation Campus Paderborn (SICP). Die Transfereinrichtung der Universität, die künftig im neu entstehenden Gebäude an der Zukunftsmeile 2 ansässig sein wird und in dem auch explizit Arbeitsplätze für Unternehmen eingerichtet werden, setzt auf die enge Zusammenarbeit in einem Campusmodell. Neben den drei Fachbereichen Informatik, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftswissenschaften sind hier weitere Fachgebiete wie die Naturwissenschaften und Elektrotechnik angesiedelt. Ziel ist es, interdisziplinär und fächerübergreifend unter einem Dach an den großen Themen und Fragen der Zeit zu arbeiten. Es mangelt wahrlich nicht an Initiativen und Möglichkeiten: Die Voraussetzungen, die Marktchancen zu nutzen und sich für die Zukunft aufzustellen, sind da.
„Unternehmen in der Region haben die Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Allerdings müssen sie jetzt handeln“, so Professor Dennis Kundisch. Noch ist der Zug nicht abgefahren.

Kontext

  • Die Universität Paderborn war 1989 bundesweit eine der ersten Hochschulen, die den Studiengang Wirtschaftsinformatik eingeführt hat. Die Nachfrage nach ausgebildeten Fachkräften ist groß. Wirtschaftsinformatiker werden heute in allen betrieblichen Funktionen gebraucht und fungieren als Botschafter und Vermittler zwischen den verschiedenen Funktionen in den Unternehmen, weil sie nicht nur die Sprache der IT, sondern auch anderer Fachabteilungen wie Marketing, Einkauf etc. beherrschen. Ein Fokus der Ausbildung an der Uni Paderborn liegt auf der Vermittlung wichtiger Schlüsselkompetenzen. Die Studierenden verfügen über die Fähigkeit, projekt- und problembasiert zu denken und zu abstrahieren, um sich so schnell in neue Zusammenhänge, Technologien und Themen einzuarbeiten.

Beitragsfoto: ©Bakhtiar Zein_123rf.com

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