Die Magie der Transformation

Die Magie der Transformation

© Andriy Popov/ymgerman/123rf.com

Wie sollen Unternehmen auf die Herausforderungen der digitalen Welt reagieren?
Deutschlands Unternehmen investieren immer mehr in Forschung und Entwicklung. Die Ausgaben seien auf ein Rekordniveau geklettert, stellte erst kürzlich die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) in ihrem Jahresgutachten fest. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Denn auf den digitalen Wandel habe sich Deutschland bislang nur unzureichend vorbereitet. Hier lahme der Innovationsgeist. Die digitale Transformation bedrohe „langfristig erarbeitete deutsche Wettbewerbs- und Spezialisierungsvorteile“.

Deutsche Unternehmen haben an Innovationskraft verloren und sind im Wettbewerb um die besten Ideen hinter die USA und Asien zurückgefallen, das belegt die aktuelle Studie „The Most Innovative Companies 2016“. Spitzenreiter in der Liste der 50 innovativsten Unternehmen sind – wie schon im Ranking des Vorjahres – der Technologiekonzern Apple (Platz 1), Suchmaschinenbetreiber Google (Platz 2) und Autohersteller Tesla Motors (Platz 3).
Deutsche Unternehmen sind in den Top Ten nicht mehr vertreten. „Das Ergebnis sollte ein Weckruf für deutsche Unternehmen sein“, sagt Carsten Kratz, Deutschlandchef der Boston Consulting Group (BCG). „Viele von ihnen sind zwar nach wie vor innovativ, werden im globalen Wettbewerb aber nicht unbedingt als innovativ wahrgenommen. Das ist gefährlich, frühes Gegensteuern wichtig.“ Innovation sei mehr als Produktweiterentwicklungen durch klassisches Ingenieurwissen, für das deutsche Unternehmen bekannt seien. Innovation müsse facettenreich sein und Dienstleistungen, Kundenschnittstellen und Kooperationen mit einbeziehen. „Facettenreiche Innovation entscheidet darüber, wer im globalen Wettbewerb als fortschrittlich angesehen wird“, unterstreicht Kratz. Zugleich zählen in den meisten Branchen inzwischen Unternehmen mit digitalen Angeboten zu den Innovationsführern: Airbnb, Netflix, Uber oder Facebook. Produzierende Unternehmen sind wiederum dann besonders innovativ, wenn sie ihr Profil entsprechend erweitern: „Etablierte Industriefirmen, die langfristig auf dem Markt mitspielen wollen, denken über die Weiterentwicklung ihres Kerngeschäfts hinaus und suchen nach digitalen Angeboten“, erläutert Carsten Kratz.

Auf nachhaltigen Erfolg durch Digitalisierung setzt die Region seit langem mit verschiedenen Projekten. Allen voran das Technologie-Netzwerk Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe (it’s OWL). Hier haben sich 180 Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen, um gemeinsam den Innovationssprung von der Mechatronik zu intelligenten technischen Systemen zu gestalten und zum globalen Technologieführer für Intelligente Technische Systeme zu werden.
„Wir unterstützen genau dort, wo wir bereits gut sind, um noch besser zu werden. Wenn viele Unternehmen kooperieren, dann wird am Ende jeder besser und innovativer sein“, beschreibt Günter Korder, Geschäftsführer der it’s OWL Clustermanagement GmbH, in seinem Vortrag über „Nachhaltigen Erfolg für die Region durch Digitalisierung“ bei einer Veranstaltung der Wirtschaftsjunioren  Paderborn + Höxter. Projekte zu realisieren, die bereits in kurzer Zeit Erfolg bringen, seien dabei von besonderer Bedeutung für den Mittelstand. Darum fördere das Cluster auch Themen, die relativ kurzfristig am Markt relevant sein können, wie zum Beispiel Fragen rund um die Energieeffizienz, die Vernetzung von Maschinen im Kontext Industrie 4.0.

„Wir brauchen die Ideen der jungen Wilden“
Die Ziele für die nächsten Jahre sind hoch gesteckt: „Wir brauchen die Ideen der jungen Wilden. Darum ist eines unserer Ziele, weitere 50 Unternehmensgründungen zu ermöglichen, in denen 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Dabei geht es inhaltlich um den Ausbau der Technologieführerschaft, zum Beispiel im Bereich der autonomen Systeme, der dynamisch vernetzten Systeme, aber auch um sozio-technische Systeme, die sich flexibel an die Bedürfnisse des Anwenders anpassen“, so Günter Korder.
Zwei aktuelle Forschungsprojekte an der Bielefelder Fachhochschule nutzen die guten Rahmenbedingungen, wie die Vernetzung der Unternehmen, um auf dem Weg in die Digitalisierung Unterstützung zu bieten. Neben den sogenannten „Digital Starters“ sollen auch die „Digital Champions“ vom Know-how der Wissenschaft profitieren. „Unser Ziel ist es, den Unternehmen fundierte Handlungsempfehlungen zur Qualifizierung der Beschäftigten sowie für die notwendigen institutionellen  Voraussetzungen zu geben“, beschreibt FH-Professorin Dr. Swetlana Franken die Motivation für ihr Projekt „Fit für die Industrie 4.0“.
Speziell an die Zielgruppe Frauen in technischen Berufen richtet sich ein zweites Forschungsprojekt der FH unter dem Namen „Women Ressource 4.0“. „Frauen können die Sicht auf die Digitalisierung durch eine zusätzliche, weibliche Perspektive ergänzen. Außerdem spitzt sich der Fachkräftemangel weiter zu. Da sind Frauen und besonders Migrantinnen mit technischen Abschlüssen ein wertvolles Potenzial für den Arbeitsmarkt“, so die FH-Professorin.

Stand der Digitalisierung im Mittelstand zu gering
Dass Anstrengungen auf diesem Gebiet dringend notwendig sind, zeigt der gerade von der Fachhochschule des Mittelstands vorgestellte Digitalisierungsindex für KMU in Nordrhein-Westfalen. Hier wird der Stand der Digitalisierung im Mittelstand insgesamt als zu gering beschrieben. Insbesondere im Unternehmensbereich „Wertschöpfung“, aber auch im Management, Innovation und Human Resources seien Unternehmen bis 250 Mitarbeiter deutlich weniger digitalisiert als größere Unternehmen. „Neue Technologien, wie beispielsweise Barcodes, RFID-Chips oder Sensoren, um Warenflüsse autonom zu steuern, werden vom Gros der Unternehmen nicht eingesetzt. Vollständige Vernetzungen von Prozessketten zwischen Lieferanten, Unternehmen und Kunden finden in mittelständischen Industrieunternehmen gar nicht statt“, so die Erkenntnisse der Untersuchung. Eine autonome, sich selbst steuernde Produktion im Sinne von Industrie 4.0 spiele in den befragten Unternehmen keine Rolle.