Denkfabriken im Münsterland: Austausch und Anstoß

Wenn Vertreter von Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen ihre Köpfe zusammenstecken, können zukunftsweisende Innovationen entstehen, von denen eine ganze Region profitiert. Wie der Blick ins Münsterland zeigt.

Fußbodenheizungen brauchen eine Dämmung und die ist in der Regel alles andere als umweltfreundlich. Denn die meisten zum Einsatz kommenden Baustoffe können nicht separiert zurückgewonnen und recycelt werden. Das kann nicht sein, dachte man sich im Hause herotec. Seit gut 40 Jahren ist der Spezialist für Flächenheizsysteme am Markt, die Beschäftigung mit nachhaltigen Lösungen fester Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Knackpunkt beim Einbau der Fußbodenheizungen ist der bauliche Brandschutz, weil hier nicht brennbare Dämmprodukte zum Einsatz kommen, die aus ökologischer Sicht kritisch zu betrachten sind. „Diese müssen mit den jeweiligen Deckschichten verklebt werden und damit verbaut man sich bei einer späteren Sanierung eine saubere Trennung. Recyclingverfahren für die hier anfallenden Stoffe gibt es ebenfalls nicht“, sagt Thomas Heuser, Geschäftsführer von herotec mit Sitz in Ahlen.

Mineralwolle zur Dämmung, die sich nach Gebrauch problemlos wieder trennen und recyceln lässt. Foto: herotec

Für den Unternehmer ein Grund nach Alternativen zu suchen und die hat er gefunden: In Kooperation mit einem Hersteller von Mineralwolle, der Firma DEUTSCHE ROCKWOOL, hat herotec eine Dämmung entwickelt, die nicht geklebt, sondern getackert oder geklettet wird. „Nach Gebrauch lassen sich die Schichten ganz einfach wieder trennen“, beschreibt Heuser die Innovation, der Mitglied des Netzwerks Enabling Networks Münsterland ist und die Vorzüge des gemeinsamen Austausches, der Vernetzung und Kooperation schätzen gelernt hat.

Denkfabriken als Impulsgeber und Innovationsbeschleuniger

Austausch für mehr Nachhaltigkeit: Gemeinsam wurde eine Lösung für den baulichen Brandschutz gefunden.

Diese nachhaltige Idee und ihre gelungene Umsetzung ist ein Beispiel von vielen für den Erfolg der regionalen Verbundinitiative Enabling Networks Münsterland, deren Ziel es ist, Unternehmen und Hochschulen dabei zu unterstützen, Innovationen zu entwickeln, sie umzusetzen und die richtigen Partner für das Vorhaben zu finden. Impulsgeber und Innovationsbeschleuniger für neue Ideen und Geschäftsmodelle sind die sogenannten Denkfabriken, fünf an der Zahl, die seit 2019 zweimal jährlich zum kreativen Austausch und zur Diskussion zusammenkommen, um in einem Zeitraum von drei Jahren gemeinsam Zukunftsstrategien zu erarbeiten. Die Themen sind vielfältig und spiegeln die Relevanz wichtiger und zukünftiger Entwicklungen wider: So haben sich die Mitglieder der Denkfabrik „Auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft“ eine auf dem ersten Blick simple, auf dem zweiten Blick aber hochkomplexe Frage gestellt: Wie gelingt es, ein Produkt und seine Herstellung so zu designen, dass es Bestandteil eines Kreislaufes wird?

„Die Runden sind nicht nur hochspannend, sondern auch ein Beleg für den innovativen Münsterländer Unternehmergeist.“

Nicht weniger spannend geht es in der Denkfabrik „Der Weg zur vernetzten Produktion“ zu, wo zum Beispiel Themen wie Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und „Digitaler Zwilling“ auf der Agenda stehen. Die Denkfabrik „Digitales Münsterland“ beschäftigt sich mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz und welchen Nutzen und welche Gefahren mit der Nutzung einhergehen können. Denkprozesse in Gang gesetzt werden zudem beim Thema „Umweltneutrale Werkstoffe der Zukunft“, wo insbesondere Kunststoffe und deren Rückführung in den Kreislauf im Mittelpunkt stehen. Hier gibt es bereits konkrete Ergebnisse und interessante Innovationen von Unternehmen, die nun miteinander vernetzt werden. Mit zukunftsweisenden Themen setzt sich auch die fünfte Denkfabrik „Gesund bleiben – ein Leben lang“ auseinander, um in einem wichtigen gesellschaftlichen Umfeld Lösungen für morgen zu entwickeln.

Vom großen Nutzen der Denkfabriken ist Bernd Büdding, Leiter des Projekts Enabling Networks Münsterland beim Münsterland e.V., überzeugt.

„Mitglieder vernetzen sich untereinander, tauschen sich vertrauensvoll über die eigene wirtschaftliche Entwicklung aus und stoßen Kooperationen an. Und das sogar zwischen den tagenden Denkfabriken. Die Runden sind nicht nur hochspannend, sondern auch ein Beleg für den innovativen Münsterländer Unternehmergeist.“

Zusätzlich befeuern sogenannte Technologiescouts den Innovationsfindungsprozess.  Ihre Aufgabe ist es, das Münsterland in einem bestimmten Innovationskompetenzfeld zum Beispiel im Bereich Life Science nach technologischen Kompetenzträgern zu durchleuchten. Das können Unternehmen oder Wissenschaftseinrichtungen sein. „Die Ergebnisse werden in einem Technologieradar gebündelt. Hier gibt es dahinterliegende Technologie-Steckbriefe wie die Anwendung in der Region, Fördermöglichkeiten und Best Practice“, sagt Büdding. Auf diese Weise entstünden neue Vernetzungen in der Region, die bestenfalls zu neuen Innovationen führten.

Beitragsfoto: Detlef Muckel


Was macht eigentlich ein Technologiescout?

Bei Enabling Networks Münsterland begeben sich EN-Technologiescouts auf die Suche nach Innovationen und unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung von zukunftsweisenden Produkten und Geschäftsmodellen. Diese unterscheiden sich allerdings von den „klassischen“ Technologiescouts wie sie oft in größeren Unternehmen zum Einsatz kommen. Wir haben nachgefragt!

 Welche Qualifikation hat ein Technologiescout?

Die Arbeit der EN-Technologiescouts besteht darin, die Region Münsterland in einem bestimmten Innovationskompetenzfeld (IKF) (z.B. Life Science) nach technologischen Kompetenzträgern zu durchleuchten. Das können Unternehmen oder Wissenschaftseinrichtungen sein. Die Ergebnisse werden in einem Technologieradar gebündelt, dabei gibt es dahinterliegende Technologie-Steckbriefe (Anwendung in der Region, Fördermöglichkeiten, Best Practice etc.). Alle Münsteraner EN-Technologiescouts sind individuell geschult und mit den Vorgehensweisen klassischer Scouts vertraut. Sie verfügen zudem über fachbezogene Qualifikationen. Für den Bereich Life Science übernimmt beispielsweise Dr. Kathleen Spring diese Rolle. Sie ist eine promovierte Bioanalytikern und zudem Geschäftsführerin des Netzwerks bioanalytik Münster e.V. Damit ist sie bestens geeignet, um die Region bei diesem Thema optimal zu vernetzen. Dr. Kathleen Spring verfügt zudem über das fachliche Know-how, um mit Unternehmen über neue technologische Entwicklungen und fachbezogene Herausforderungen zu diskutieren.

Welche Vorteile bietet der Einsatz eines Technologiescouts?

Es geht vor allem darum, neue Technologien zu erschließen – und dies nicht im Alleingang, sondern mit Partnern in der Region, die sich gegenseitig unterstützen können.

Welche Konzepte und Methoden kommen zur Anwendung?

Es gibt verschiedene Konzepte zur Sensibilisierung: Neben der Erarbeitung eines regionalen Technologieradars können Veranstaltungen mit Technologie-Schwerpunkten wie zum Beispiel Technologie-Tandem oder Technologie-Battle hilfreich sein. In Tech-Scout-Initialworkshops, What-if-Szenario-Workshops und technologiebezogenen Geschäftsmodell-Workshops lassen sich zudem neue Erkenntnisse gewinnen. Und auch die Denkfabriken sind ein geeignetes Instrument, sich zu bestimmten technologischen Themen zu vernetzen.

Wie lassen sich die Faktoren für den wirtschaftlichen Erfolg einer Technologie identifizieren?

Der Reifegrad einer Technologie ist insofern messbar, als geschaut werden kann, wie weit die Neuentwicklung von der Anwendung entfernt ist. Das ermittelt der sogenannte TRL: „technology readiness level“. Darüber hinaus gibt es Einschätzungen, wie produktiv neue Technologien bereits sind, wie zum Beispiel den Gartner Hype Cycle. Dieser lässt Rückschlüsse zu, ob eine neue Technologie überbewertet wird oder bereits auf dem „Plateau der Produktivität“ angekommen ist.
Für KMUs sind diese theoriebasierten Kennziffern oft nicht so relevant. Sie wollen vielmehr sehen, dass der Einsatz bei anderen KMUs funktioniert und wirtschaftlich ist. Daher ist ein erfolgreiches Best-Practice-Beispiel oder die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einer Hochschule oft der direktere Weg, um wirtschaftlichen Erfolg sicherzustellen.

Wer kann einen Scout einsetzen? Welche Kosten sind mit dem Einsatz verbunden?

Die Scouts arbeiten zunächst grundsätzlich kostenfrei. Voraussetzung ist allerdings, dass die Maßnahmen gemeinsam mit mehreren Unternehmen und Hochschulvertretern durchgeführt werden. Am Ende eines Einsatzes gibt es Informationen, die Hinweise bei der Suche nach neuen relevanten Technologien geben, wer hier in der Region unterstützen kann und wie Kooperationen auf den Weg gebracht werden. Für das „klassische“ Suchen und Filtern von relevanten Technologien sollten sich Unternehmen daher eher an spezialisierte Technologiescouts auf dem Markt wenden.

 

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