„Der gesunde Menschenverstand müsste für einen Einstieg in die Circular Economy ausreichen“

Seit zwei Jahren beschäftigt sich die Initiative CirQuality OWL damit, Unternehmen beim Aufbau einer Circular-Economy-Strategie zu unterstützen. Klaus Meyer, Geschäftsführer Energie Impuls OWL und Konsortialführer der Circular Economy Initiative CirQuality OWL, über aktuelle Aktivitäten und warum eine Circular Economy-Strategie für Unternehmen so wichtig ist.

m&w: Als sich die Innovationsnetzwerke OWL im Jahre 2018 unter dem Slogan „Ein Produktionsstandort schließt Kreisläufe“ auf den Weg machten, war die Circular Economy noch eine unbekannte Vokabel. Gibt es heute schon gute Beispiele?

Klaus Meyer, Geschäftsführer Energie Impuls OWL

Klaus Meyer: Natürlich. Aber so interessant die einzelnen Beispiele von ZF Friedrichshafen Bielefeld, Schüco, Weidmüller, Glass oder Windmöller auch sind, Circular Economy ist fast immer eine komplexe Veränderung, in der Regel auch über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinaus. Wenn ein Produkt so nachhaltig konzipiert ist, dass es länger hält, reparierbar ist oder gar einzelne Komponenten in den Kreislauf zurückgewonnen werden sollen, werden grundsätzliche Veränderungen von Lieferanten- und Kundenbeziehungen bis hin zu neuen Geschäftsmodellen nötig. Neben den immer interessanten Beispielen aus den Unternehmen ging es uns vor allem um den Aufbau einer Strategie für die Unternehmen unserer Produktionsregion. Da liegt die besondere Transformationsaufgabe für CirQuality OWL.

m&w: Das hört sich sehr komplex an. Lohnt sich so ein Aufwand denn überhaupt für unsere Unternehmen?

Klaus Meyer: Das kommt sehr darauf an, wann ich in die Circular-Strategie einsteige. Wenn ich rechtzeitig die Veränderungen bei internationalen Kunden, in der Europäischen Union und auf den Rohstoffmärkten in den Blick nehme, meine Mitarbeiter sensibilisiere und Kompetenzen aufbaue, kann ich klare Wettbewerbsvorteile aufbauen, neuartige Kundengruppen bedienen und sogar größere Sicherheit in den zukünftigen Kostenstrukturen erzielen. Natürlich gehört immer etwas unternehmerischer Mut dazu. Reagiere ich jedoch erst, wenn meine Kunden ihre Anforderungen formulieren oder die umfangreichen EU-Gesetzgebungen aus dem Green Deal hierzu – wie immer „überraschend“ – in Kraft treten, laufe ich dem wichtigen Know-how hinterher, produziere Kosten und das Schlimmste: verliere wichtige Kunden, die „plötzlich“ durchdachte Circular Economy-fähige Produkte erwarten.

 m&w: Ist das momentan nicht vielleicht doch eine Sache für Spezialisten und intrinsisch motivierte First Mover?

Klaus Meyer: Das wäre fatal. Und eine Fehleinschätzung aus der Froschperspektive einer momentan recht gut florierenden Produktion. Öffnen wir den Blick einmal, drängen sich die zukünftigen Marktveränderungen auf: Eine wachsende Anzahl von Konsumenten in der Welt will Nachhaltigkeit in den Produkten. Diese Forderungen gehen aus der Individualität mehr und mehr in gesellschaftliche Resonanz und werden zu geforderten allgemeinen Produkteigenschaften, ob bei Gütern des täglichen Bedarfs, Investitionsgütern, Gebäuden, Elektrotechnik, Fahrzeugen etc. Zulieferer werden den Umwelt-Fußabdruck ihrer Kunden bedienen müssen, und die internationale Gesetzgebung macht immer striktere Vorgaben. Zu Recht übrigens, denn auf der einen Seite macht uns der Abfall international zu schaffen und produziert enorme Kosten – auf der anderen Seite wird der Abbau von Rohstoffen durch immer geringer werdende Konzentration von Elementen immer unergiebiger. Eine Tonne Bildschirmschrott hat mittlerweile eine höhere Indium-Konzentration als die Abbauprodukte internationaler Minen. Aber lassen wir hier die Details – allein der gesunde Menschenverstand müsste  – zumindest für einen Einstieg in die Circular Economy – doch ausreichen.

m&w: Was hat sich mit CirQuality OWL für die Unternehmen schon getan?

Klaus Meyer: Die Komplexität der erforderlichen Transformation überfordert im ersten Moment den bewährten Wirkungskreis des einzelnen Unternehmens. Gerade hier spielen die Innovationsnetzwerke ihre Erfahrung aus: Es war ja schon immer unsere Aufgabe, unsere vielleicht besonders veränderungsbereiten Mitglieder für ganz neue Themen miteinander – über die Grenzen der jeweils eigenen Disziplinen hinaus – zu vernetzen: Gesundheit mit Energie, Lebensmittel mit Digitalisierung, Bauwirtschaft mit Maschinenbau u.v.a. Jetzt nutzen wir all unsere bewährten und neuen Formate, um die Kompetenzen der Menschen in den Unternehmen, ob in Produktentwicklung, Vertrieb, Personalwirtschaft, Einkauf, Strategie, Konstruktion, Fertigung u.a. für Cicular Economy zu stärken. Hunderte von Unternehmen in OWL beteiligen sich bereits an den Qualifizierungs- und Austauschformaten zur Circular Economy. Auch wenn niemand fertige Lösungen erwarten oder einfach übernehmen kann, die sehr gute Unterstützung für Praktikerinnen und Praktiker aus dem VDI oder den Hochschulen hilft den teilnehmenden Unternehmen ihre Circular-Ansätze zu identifizieren und zu entwickeln.

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