Argument-Suchmaschine hilft bei der Meinungsbildung

Argumente bereichern jede Diskussion. Was aber, wenn es an stichhaltigen Punkten und belastbaren Aussagen in der Beweisführung mangelt? Jun.-Prof. Dr. Henning Wachsmuth von der Universität Paderborn will dem individuellen Denkvermögen auf die Sprünge helfen: Der Informatiker leitet die Entwicklung einer Suchmaschine, die bei der Meinungsbildung unterstützen soll.

Sie entwickeln eine Suchmaschine, die bei der Meinungsbildung helfen soll. Wie ist die Idee dazu überhaupt entstanden?

Jun.-Prof. Dr. Henning Wachsmuth von der Universität Paderborn leitet die Entwicklung einer Suchmaschine, die bei der Meinungsbildung unterstützen soll. (Universität Paderborn, Nina Reckendorf)

Dr. Henning Wachsmuth: In meiner Zeit als PostDoc an der Bauhaus-Universität Weimar habe ich in der Arbeitsgruppe Webis (www.webis.de) intensiv daran geforscht, wie sich natürlichsprachige Argumentation mit Computern verarbeiten lässt. Gleichzeitig beobachteten wir in der Gesellschaft, dass selbstbestimmte Meinungsbildung in Zeiten von Alternative Facts und Filter Bubbles immer schwieriger wird. Um dem entgegenzuwirken, ist ein wertneutraler Zugriff auf Informationen notwendig – und wo Fakten unklar sind, werden Argumente wichtig. Da intelligente Suchtechnologien ein Schwerpunkt von Webis ist, war die Idee zu der Argument-Suchmaschine geboren.

Wie bauen Sie die Suchmaschine auf und woher kommen die Daten?

Dr. Henning Wachsmuth: Unsere Suchmaschine hat das Ziel, Pro- und Contra-Argumente zu potentiell beliebigen kontroversen Themen zu finden. Grundlegend ähnelt ihre Funktionsweise klassischen Suchmaschinen wie Google. Während Google aber Links zu Webseiten als Antwort zu Suchanfragen zurückgibt, liefern wir direkt Argumente. Unter einem Argument verstehen wir dabei eine Behauptung, dass etwas wahr oder befürwortenswert ist, zusammen mit einer Begründung. Im Moment kennt die Suchmaschine etwa 300.000 englischsprachige Argumente von Diskussionsplattformen, auf denen Menschen miteinander debattieren oder gemeinsam die besten Argumente zu kontroversen Themen (zum Beispiel „feminism“ oder „nuclear energy“) erarbeiten. In naher Zukunft sollen aber weitere Quellen hinzukommen, etwa diverse News-Portale. Insbesondere für tagesaktuelle Themen sind diese wichtig.

Welche Rolle spielen Algorithmen und künstliche Intelligenz?

Dr. Henning Wachsmuth: Das Finden von Argumenten in Webseiten, die Bewertung der Qualität von Argumenten, das Ranking von Suchergebnissen – all dies und mehr geschieht mittels Algorithmen. Oft basieren solche Algorithmen auf maschinellen Lernverfahren, die in bekannten Daten Muster erkennen, welche auf neue Daten übertragen werden können. Teilweise sind die bislang von uns verwendeten Verfahren noch relativ einfach gestrickt, werden in Zukunft aber immer „intelligenter“ werden.

Wie lassen sich starke Argumente feststellen und die Richtigkeit von Argumenten überprüfen? 

Dr. Henning Wachsmuth: Welches Argument besser ist und welches schlechter, hängt vom Betrachtungswinkel ab. Das eine kann logisch stichhaltiger sein, das andere rhetorisch überzeugender. Manche Qualitätskriterien lassen sich algorithmisch bewerten, etwa die linguistische Klarheit eines Arguments oder ob dessen Begründung zu dessen Behauptung passt. Ob aber die Behauptung wirklich aus der Begründung folgt, ist ungleich schwerer automatisch festzustellen. An der Überprüfung der Richtigkeit von Argumenten arbeiten wir bislang noch nicht. Hier gibt es verwandte Forschung, die sich mit so dem genannten „Fact Checking“ beschäftigt, etwa durch Abgleich von Fakten mit bestehenden Wissensdatenbanken. Solche Verfahren könnten irgendwann auch in die Argumentsuche Einzug finden.

Wo liegt der Nutzen der Suchmaschine? Steht die Technologie künftig auch Unternehmen und „Otto-Normal-Verbrauchern“ zur Verfügung? 

Dr. Henning Wachsmuth: Die Suchmaschine ist noch in einem frühen Stadium, wird aber Schritt für Schritt in Weimar und bei mir an der Uni Paderborn weiterentwickelt. Sie zeigt einen Weg auf, wie sich selbstbestimmte Meinungsbildung unterstützen lässt. Ob sie es irgendwann selbst in den Alltag der Menschen schafft oder ob ihre Ideen in anderen Technologien aufgegriffen werden, wird sich zeigen. Die Suchmaschine kann aber schon jetzt von jedem ausprobiert werden unter dem Link: http://args.me

Kontext
args.me, so der Name des digitalen Orientierungshelfers, liefert Pro- und Contra-Argumente für theoretisch beliebige Themen: Sie soll dem Nutzer dabei, seinen eigenen Standpunkt zu entfalten. Auf Basis von derzeit 300.000 Argumenten, die aus verschiedenen englischsprachigen Diskussionsforen im Internet stammen, werden die Ergebnisse der Suchanfragen auf der Pro- und Contra-Seite nach Relevanz sortiert. In naher Zukunft sollen auch die Daten einschlägiger Internetseiten wie zum Beispiel Newsportalen dazukommen.